2004 Hubert Neumann

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Schriftsteller

  • 1963 in Mainz geboren
  • Studium der Mittleren und Neueren Geschichte, Philosophie, Soziologie und Volkswirtschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
  • 2001 Martha Saalfeld – Literaturpreis des Landes Rheinland Pfalz seither tätig als freier Schriftsteller
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siehe Berichte in der MRZ über Hubert Neumann, Januar 2013

Exposé – Solitär  

Hintergrund:

Die groteske Kriminalkomödie mit dem bittersüßen Titel „Solitär“ ist nichts weniger als ein trauriger Abgesang auf das Glücksversprechen Sexualität. Ein tragikomisches, engmaschig gesponnenes Netz aus Schönheitswahn und Medienterror, Konsumrausch und unbändigem Erlebnishunger. Verstrickt in diese „postmoderne“ Misere: fünf junge Menschen auf der Suche nach dem ultimativen Erleben in ohnehin schon erlebnisschwangerer Zeit, nach dem immer Neuen, nach actionreichem Input für ein nur so als gelungen empfundenes Leben. Nur: Was noch erleben, erspüren, erfahren können in einer Zeit, in der das Erlebnis zum Normalfall geworden, zum Event verkommen ist? Das ist den Figuren nicht bewußt, wie sollte es auch? Dem unentwegten Rauschen des Mediendiskurses ausgesetzt, ist die Suche nach ‚Eigentlichkeit‘ von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und trotzdem: So etwas wie Liebessehnsucht bricht sich immer wieder Bahn, das verzweifelte Streben nach Nähe, nach Hinwendung. Was kommt dabei heraus? Berührungen werden zu Kollisionen, Begegnungen zu Konfrontationen. Zwei Menschen stehen sich gegenüber – das heißt in diesem Fall: sie stehen sich im Weg. Das Leben als Hindernisparcours, als Parforceritt von einem orgiastischen Erleben zum anderen – ein immerwährendes trostloses Fest, Tequila getränkte Leidenschaftslosigkeit, verpuffte Obsession.

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Oft agieren die Figuren wie auf einem Schachbrett, auf strikt vorgegebenen Bahnen eines normativen Lebensentwurfs. Deformierte Seelen schieben sich auf dem imaginären Planquadrat der Spaßgesellschaft von Feld zu Feld, geschändet von einer medial eingetrommelten Daseinsform, die wie selbstverständlich hingenommen, verinnerlicht wird. Da wundert es denn auch nicht, daß einer der Mädchen eine Brustamputation zum sehnlichsten Wunsch gerät. Warum? Weil man dann „nichts mehr fühlt“ – die dauerhafte, unumkehrbare Suspension der Lust als Bedingung der Möglichkeit von Lust, eine Körperlichkeit, die des Körpers als Lustort nicht mehr bedarf.

Die Widersprüche spiegeln sich in der Sprache wider, ein munter-aufreibendes Oszillieren zwischen barockem Pathos und coolem Gegenwartsjargon der Handy- und SMS- Generation.

 

Das Handlungsgerüst:

In einem Waldstück, in der Nähe von Mainz wird Stefan, ein Ethnologiestudent, erhängt aufgefunden. „Mit gebrochenem Hals schwang die Leiche von einer Seite zur anderen. Über den Kopf hatte er sich eine Perücke aus langem Frauenhaar, über Arme und Beine lange Nylonstrümpfe gezogen, den Oberkörper bedeckte ein seidener Spitzenunterrock […] Unter dem Petticoat trug die Leiche nichts. Der Unterleib war nackt. […] Ein Kondom war über den Penis gestülpt. Gefüllt mit Ejakulat.“

Vier Tage später wird der kauzige Grabredner, der zweiundvierzigjährige Philipp Beck vom Bestattungsunternehmer Kiefer beauftragt, für den vermeintlichen Selbstmörder am darauffolgenden Tag eine Trauerrede zu halten. Für Beck ist die Zeit zu knapp bemessen. Zumal es für ihn zu einem professionellen Grabredner gehört, ausgiebige Nachforschungen über das Leben der Verstorbenen anzustellen und in die Rede miteinfließen zu lassen. „Manchmal kamen sie [die Nachforschungen] sogar polizeilichen Ermittlungen gleich. Alles wollte er wissen, um eine möglichst gute Rede halten zu können. Er dachte sich in die Toten hinein, um ihre Stärken und Schwächen, ihren Fehlern, Sehnsüchten und unerfüllten Träumen gerecht zu werden und ehe er sich versah, war er mit ihnen eine eigenartige, fast liebevolle Beziehung eingegangen. Kannte sie besser, als manch einer ihre Freunde.“ Erschwerend kommt hinzu, daß die in Brasilien lebenden Eltern mit dem Selbstmord ihres Sohnes nicht belangt werden wollen. Auch Stefans Verwandte stehen ihm nicht zur Verfügung. Auf Drängen des Bestattungsunternehmers gibt er schließlich nach.
Um sich dennoch ein Bild von dem Verstorbenen machen zu können, begibt er sich auf die Suche nach Stefans Freunden. Ein Panoptikum an Personen, das wie schrägen Kreuzungen des Personals aus Serien wie „Verbotene Liebe“ oder „Sex in the City“ wirkt: eine Gratwanderung zwischen Gewalt, Ekel, Abneigung und absurder Normalität.
In einem Supermarkt trifft er Stefans Mitbewohner und besten Freund Daniel: Ein grobschlächtiger Fleischerfachverkäufer und verhinderter Medizinstudent. Frischfleisch ist sein Metier, ob pfannenfertig filetiert oder in Form jungfräulicher Körper. Er ist ganz Körper, aufdringlich und rabiat, gierend nach stimmungsberauschter Abwechslung, eine Existenz, die sich über Ejakulationshäufigkeit zu definieren scheint.

So etwas hatte er [Beck] noch nie erlebt. Erst ging dieser Mensch überhaupt nicht auf seine Frage ein, betete stattdessen eine ganze Litanei möglicher Selbstmorde herunter, als sei nichts passiert, als ginge es ihn nichts an und dann benahm er sich so kaltblütig. Gewiß, einjeder ging mit seiner Trauer anders um. Das wußte er. Oft hatte er erlebt, daß Selbstmorde anfangs einfach verbittert abgestritten wurden, noch häufiger aber die Art, in der sie geschehen waren. Manchmal beharrten die Hinterbliebenen auch ihr Leben lang darauf. Obwohl ein Abschiedsbrief vorlag und behaupteten wütend es sei ein Unfall gewesen. Gewiß! Aber in ihren Worten hatte er immer Trauer über den Tod oder Bestürzung herausgehört. Hier nicht. Diesem Riesen schien es völlig gleichgültig, daß und wie sein Freund zu Tode gekommen war.“
Ebendort und zur gleichen Zeit kaufen sich zwei junge Frauen, die Freundinnen Eva und Marina die unentbehrlichen Utensilien für die nächste Party zusammen. Auch von ihnen erfährt er anfangs nicht viel über Stefan und seine Motive zum Selbstmord.

Die Figur der Eva, angesiedelt irgendwo zwischen Medusa der Lüste und Jungmädchen-Zicke, eine moralenthobene Glückssucherin mit gefühlvollen Anwandlungen. „Eva war eine Maschine, die aus Fremden Geliebte und aus Geliebte Fremde machte. So einfach war das. Verwechselte Begehren mit Begehrtwerden.“ Frostig, gleichgültig zuweilen, doch fast immer von praller Diesseitigkeit, schreit sie ihre Ratlosigkeit in die Welt hinaus. Nein, die leisen Töne sind ihre Sache nicht, können es auch nicht sein angesichts eines Daseins, das täglich erneuerbares Glück zugleich verspricht und versagt. Eva war Stefans Freundin, doch über ihn und ihre Beziehung weiß sie nichts außer „Er war ein netter Kerl. Man konnte prima mit ihm feiern“, zu sagen. Sie bandelt mit Beck an und Beck fühlt sich trotz ihrer Gefühlskälte auf unbestimmte Weise von ihr angezogen. Er verliebt sich in sie, doch seine Vergangenheit steht ihm im Wege.

Marina: Oft in sich gekehrt sucht sie nach jenen Zwischentönen des Lebens, die sie schon lange nicht mehr vernimmt, eigentlich nie vernommen hat. Ihr Wunsch für immer und ewig Jungfrau zu bleiben, resultiert aus der Leibfeindlichkeit eines konsequenten Schönheitskultes, der sich zwar christlicher bzw. religiöser Ausdrucksmittel bedient, aber dennoch völlig gottfern ist. Glaubensinhalt dieses Kultes sind Sterilität und Künstlichkeit. Ikone ist die Barbiepuppe.

„Während sie sang, hielt sie das Spielzeug wie eine Monstranz in die Höhe. Es kümmerte sie wenig, daß dessen feste Brüste und schlanke Arme und Beine an einem extrem dünnen Körper nur angeheftet zu sein schienen. Es störte sie auch nicht, daß das Verhältnis der Plastikörperteile zum Puppenkörper nicht stimmte: Die Haare waren so lang und voll, daß sie im wirklichen Leben eine echte Behinderung gewesen wären. Die Beine so lang und schlank und die Fersen so stark nach oben gebogen, daß die Puppe überhaupt nicht zum Stehen taugte. Es sei denn, man hätte ihr Miniaturstöckelschuhe angezogen. Und mit den zu langen Armen konnte sie sich beim Sitzen noch nicht einmal abstützen. Das einzige, was sie an der Puppe interessierte, war, daß sie schön anzusehen war. Daß sie schön war! Zumindest für Marina. Und, daß sie nicht stank. Vor allem nicht stank. Sie schwitzte nicht, aß und trank nicht und hatte demnach keine Blähungen, defäkierte nicht, urinierte nicht, blutete nicht, menstruierte nicht, sekretierte nicht, atmete nicht… Es galt ihr in allem nachzueifern. Marinas fehlerhafter, alternder, begehrlich begehrender Körper mußte gebändigt gezähmt, geformt und schließlich überwunden werden. So wie es ihr Barbie vormachte. Barbie war ihr mehr als ein Fetisch.“
Beck ist von physischem Unbehagen erfaßt. Das Gefühl, daß ihm etwas bei der Befragung von Stefans Freunden entgangen ist, läßt ihn nicht mehr los. Er sucht den Bestattungsunternehmer auf. Kiefer eröffnet ihm, daß die Beerdigung auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, da mit der Leiche etwas nicht stimme. War es wirklich Selbstmord? Ein Unfall? Oder doch vielleicht Mord?

„Er verabschiedete sich und ging auf demselben Weg nach Hause, auf dem er gekommen war. Er hatte nichts. Er wußte nichts. Er wußte, daß er nichts wußte, glaubte aber, daß es etwas zu wissen gab. Er würde es herausfinden. Heute Abend! Auf Evas Party.“
Doch auch auf der Party erfährt er nicht viel mehr. Marina stellt ihm Sebastian vor, mit der Lüge, daß dieser Evas neuer Freund sei. Eifersüchtig nimmt Beck die Information zur Kenntnis. Tatsächlich aber hatte Eva mit Sebastian, der zwei Jahre lang ihr Geliebter gewesen war, am Morgen gebrochen. Eva macht ihn an, läßt ihn stehen und verläßt mit einem anderen die Party.

Am nächsten Morgen: Katerstimmung. Marina sitzt verstört „auf dem Tisch mitten in der regendunklen Küche zwischen all dem Müll vom Vorabend, allein zwischen den ungeleerten Aschenbechern, den schmierigen Gläsern, an denen der Alkohol angetrocknet war, dem klebrigen Plastikgeschirr, den verdorbenen Essensresten, den leeren Flaschen, den zerknüllten Zigarettenpackungen… Obwohl sie in der Nacht kaum und wenn, dann besonders schlecht geschlafen hatte, war ihr Gesicht glatt und straff, ja glänzte regelrecht, als ob man ihr Paraffin unter die Haut gespritzt hätte. Ein weißes Puppengesicht, das mit kalt registrierenden Glasaugen aus dem Fenster in den Regen starrte. Sie fühlte sie fremd. Fremd in ihrem Körper, der von blauen Flecken übersät war.“ Eva, die von ihrem nächtlichen Abenteuer die Küche betritt, ist von Marinas Zustand beunruhigt und durchlöchert sie mit Fragen. Irgendetwas war in der Nacht mit Marina geschehen. Marina weicht ihr aus und verläßt die Küche, als Daniel hereinkommt, der, weil er betrunken gewesen war, in Evas Bett übernachtete hatte. Auch ihn befragt Eva, ob in der Nacht in ihrer Abwesenheit etwas vorgefallen war. „Eigentlich nichts besonderes.“ Daniel runzelte die Stirn. „Ich weiß auch nicht, was die plötzlich hat? Gestern so gut drauf, und heute so zickig.“ Er zog die Worte in die Länge. Roch an seinen Fingern. „Echt! So kannte ich sie gar nicht.“

Dann erzählt er ihr von Becks Befragung: „Ob ich ihn gekannt hätte“, stotterte Daniel. „Wer seine Freundin ist, wollte er wissen. Seine sexuellen Vorlieben…“ Er machte eine abschlägige Handbewegung. „Als ob das von Bedeutung wäre! Ob ich wüßte, wie er gestorben ist! Und all solche Sachen.“ „Und?“ fragte Eva und preßte ihren Busen an seine Brust. „Was hast du gesagt?“ „Na“, antwortete er, „er wird Hand an sich gelegt haben, hab‘ ich gesagt.“ Ein wirres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Woher willst du das wissen?“ „Hab’s mir gedacht“, entgegnete er und trat eine Schritt zurück, „oder jemand hat’s mir erzählt.“

Als er ihr eine Liebeserklärung macht, platzt Beck in die Szene. Resolut tritt er auf und schickt Daniel hinaus. „Beerdigung!“ entgegnete Beck in geschäftlichem Ton. „Das ist mein Stichwort!“ Er drehte sich zu Eva und sagte kühl: „Ich hab‘ noch ein paar Fragen an Sie, Fräulein.“ Drehte sich wieder zu Daniel zurück. „Sie brauche ich nicht!“

Beck teilt ihr mit, daß die Beerdigung, die für den Nachmittag angesetzt war, verschoben worden war. Eva ist irritiert. „Massive Verdachtsmomente!“ klärte er sie auf. „Grundsätzlich ist wie in allen unklaren Erhängungsfällen“, zitierte er den Pathologen, „allerdings nur selten, die Möglichkeit einer Tötung durch Erhängen oder Vortäuschung eines Suizids durch Erhängen, nach Tötung durch Würgen oder Drosseln, durchaus in Betracht zu ziehen.“ Er atmete aus. „Daher wurde eine gerichtsmedizinische Obduktion angeordnet. Die Leiche liegt jetzt in der Pathologie und kann noch nicht zur Beerdigung freigegeben werden.“

Eva nickte verständig und murmelte: „Mein Gott, ein Mord!“

„Das ist noch nicht gesagt. – Die Polizei glaubt fest an einen Selbstmord. Und alles, was sie haben sind in ihren Augen Verdachtsmomente, aber keine Beweise. Die Kriminalbeamten werden Sie und ihre Freunde in den nächsten Tagen ganz sicher befragen.“
Jetzt erst klärt sie Beck über ihr Verhältnis zu Stefan auf: „Warum waren Sie mit ihm zusammen?“ „Na“, sie verzog den Mund, „weil es eben vieles einfacher macht.“ Wippte vor und zurück. „Man kann jemand anrufen, wenn man will. Man kann sich ausheulen. Man hat jemand, mit dem man in Urlaub fahren und an den Strand gehen kann. Solche Sachen halt.“ Sie schluckte und begann zu schreien. „Und außerdem: Braucht man sich vor nichts und niemandem zu rechtfertigen.“ Ihre Stimme schwoll immer stärker an, bis sie kreischte. „Wenn man einen Freund hat, sind einem die anderen Männer ausgeliefert. Man kann mit ihnen machen, was man will. Man bestimmt! Wann man sich trifft. Wie man sich trifft. Was man macht. Einfach alles! Und keiner hat auch nur die Chance, daß man ihm jemals gehören wird.“ Sie blickte mit schiefem Lächeln triumphierend zu Beck empor und donnerte: „Einen Freund zu haben, das macht frei!“
Marina ganz in Schwarz gekleidet, und immer noch verwirrt, unterbricht die beiden. Auch ihr teilt Beck mit, daß die Beerdigung verschoben worden war. Kurz darauf bricht Marina zusammen. „Ihr Blick war trüb. „Ziehen mich in den Dreck! Ja, in den Dreck. Wie alle ihre Geschlechtsgenossen.“ Marina spuckte verächtlich vor Beck aus. „Schamlos kommen sie daher. Mit ihren großen männlichen Schritten, den kühnen, kecken Blicken. Säuseln in tiefen Tönen. Ekelhaft!“ Sie schüttelte sich. „‘Komm mein Kind! Komm mein Kind!‘“ Umfaßte ihre Brüste und rieb sie gegeneinander. „Dann das erregte Armschwingen, das lebhafte Händespiel. Widerwärtig, wie sie den kleinen Busen handhaben!“ Sie weinte. „Immer und immer wieder! Wie gestern Nacht! Drückt er mir doch glatt sein Ding in die Hand und nickt mir wohlwollend zu. – So wie Großmütter es tun, wenn sie einem ein Stück Schokolade oder später Geld in die Hand drücken. – ‚Es gehört dir! Dir ganz allein. Mach‘ damit, was du willst. Kauf dir was schönes!‘ – Und dann dieses glibberige, quecksilbrige Zeug. Überall!“

Ihr Ausbruch weist auf eine Vergewaltigung.

Als Beck am Nachmittag erfährt, daß sich ein gewisser Sebastian erhängt hat, bringt er dessen Tod nicht mit dem Stefans in Verbindung. Er tappt weiter im Dunkeln. Möchte aufgeben und einfach eine Standardrede halten.

Am Abend trifft er Daniel in einer Diskothek, folgt ihm und stellt ihn am Rheinufer. Geschickt biedert er sich ihm an. Stark alkoholisiert ist Daniel äußerst gesprächig. Eva war seine erste große Liebe, hatte ihn aber betrogen und später wegen Stefan verlassen. Seither steht er auf Jungfrauen.

„Warum auch? Warum sollte man sich dem Körper widersetzen? Wie einem Feind, den wir in uns tragen“ heuchelte Beck Mit seiner Moral wollte er Daniel nicht gleich vor den Kopf stoßen. „Man ist doch ganz Erfüllungsgehilfe seiner Triebe!“

„Ich sehe, Sie verstehen mich!“ entgegnete Daniel. Diese Worte waren eine große Erleichterung für ihn, so als hätte er endlich die Last nicht mehr allein zu tragen. Er hätte ihn am liebsten in die Arme genommen und ihm Freundschaft fürs Leben geschworen.

„Ja, ja! Jeder hat da so seine Vorlieben…“ Das wußte Beck nur zur Genüge. „Das sollte man nicht verschweigen!“

Beck erntete ein zustimmendes Kopfnicken.

„Natürlich! – Ich mach‘ da keinen Hehl d‘raus. Warum auch? Ich steh‘ nun mal auf Jungfrauen! Auf das Unberührbare. – Bin quasi ein Entdeckertyp! Ein Abenteurer, wenn Sie so wollen!“

Aber auch Stefan wurde von Eva betrogen.
„Immer wieder! – Schrieb ihm meterlange Liebes- und Verzeihungsbriefe, die sie, nachdem er sie gelesen hatte, gleich wieder zerriß oder verbrannte. Nach dem Motto: Alles, was ich jetzt sage und schreibe, kann später gegen mich verwendet werden.“ Daniel machte eine Pause. „Dann fing sie an, seinen Schwanz auszumessen und mit denen ihrer Liebhaber und der Freunde ihrer Freundinnen zu vergleichen. – Damals studierte sie noch BWL. – Alles mußte sie quantifizieren, in Mengen, Zahlen, Statistiken und Kurven pressen. Ihr ganzes Liebesleben brachte sie in ein Koordinatensystem! Ihre Orgasmen hingen wie Fieberkurven über ihrem Bett. Jeder konnte sie sehen! Bis sie gegen Null gingen.“ Daniel schluckte. „Sie hatte einfach keine Lust mehr!“ […]

Um Eva zu halten, suchte Sebastian nach neuen Formen: „Besorgte sich Handschellen. Fesselte und knebelte sie.“

„Fesselte und knebelte sie?“ wiederholte Beck verstört.

„Es gefiel ihr! – Aber treu war sie ihm trotzdem nicht!“

„Und ihm?“ fragte Beck mit gerunzelter Stirn. „Gefiel es ihm?“

„Ich kann es nicht sagen. Er war damals schon völlig abgespaced. – Er fing an, sein eigenes Ding zu drehen. – Um ihr eins auszuwischen. – Praktiken, die nicht ganz so appetitlich sind!“ Er blickte Beck eindringlich an. „Atemreduktionsspielchen!“ sagte er mit Betonung jeder einzelnen Silbe. „Du verstehst?“ Er zwinkerte mit den Augen.

Beck schüttelte den Kopf. […]

„Sauerstoffmangel beziehungsweise Kohlendioxidüberschuß im Gehirn zu einer milden Euphorie und, beim Sex, zu schnelleren und befriedigenderen Orgasmen.“ […]

„Mit Plastiktüten […] Über den Kopf gestülpt. – Man befestigt die Tüte eng um den Hals. Am besten mit einem Klebeband. Allerdings muß die Tüte samt Klebeband schnell zu entfernen sein. Am besten ist die Tüte in der Halsgegend perforiert. Daß auch ja nichts passiert!“

 

Jetzt ist für Beck alles einigermaßen erklärt. Stefan hat sich wegen Eva erhängt. Aus unerfüllter Liebe. Für ihn trifft Eva keine Schuld. „Ja, sie hatte selbstsüchtig und grausam gegen ihn gehandelt. Aber so war das nun mal, wenn die Liebe erlosch. Was sollte man da auch tun? Nein, sie traf wirklich keine Schuld. Und die Sexpraktiken? – Wer weiß, was davon wahr war! Daniel war ja schließlich nicht dabei gewesen, wenn Stefan sie gefesselte und geknebelt hatte. Vielleicht hatte Stefan ja auch gelogen, um Eva schlecht zu machen. Und überhaupt das würde er alles noch herausfinden.“

Beck geht zur Roten Katze, einer Bar, in der Eva arbeitet, um ihr Avancen zu machen. Stellt sich in die Schlange und wartet. Er trifft Marina. Es beginnt zu regnen. Wegen des Regens will Beck nicht mehr länger anstehen. Sie nehmen ein Taxi und fahren zu ihm in die Wohnung. Er erzählt ihr, warum er Grabredner geworden ist. Sie erzählt ihm beim Verlassen der Wohnung, daß sich Sebastian, „Evas Freund“ erhängt hat.

Er geht duschen.
„Sebastian! Sebastian! ging es ihm durch den Kopf. Das mußte doch der gleiche Sebastian sein, der in dieser Eckkneipe gearbeitete hatte. Der sich erhängt hat. Das konnte doch kein Zufall sein! Ja, um Himmels Willen trieb sie [Eva] denn jeden in den Tod, der etwas mit ihr zu tun hatte, der sie liebte!“

[…] Nein! Er würde Eva nicht mehr behelligen! Das war vorbei. Er würde auf Stefans Beerdigung gehen. Eine Rede halten. Er würde sagen, daß Stefan einen Weg gegangen war, seinen Weg gegangen war, der nicht immer leicht, nicht immer gerade gewesen war. Für seine Mitmenschen nicht erkennbar. Er würde sagen, daß er sich aus Liebe erhängt hat. Weil er einfach abserviert worden war. Weil seine Liebe keine Lust mehr gehabt hatte. – Nein, das konnte er unmöglich sagen! Er würde eine Standardrede halten! – Das erste Mal. – Und dann würde er sie niemals wieder sehen! Schlußaus!“

Neben dem Bett liegt eine leere Plastiktüte. Er setzt sich an den Schreibtisch. Neugierig stülpt er sie sich über den Kopf. Nur kurz.

„Er wollte doch nur mal spüren, wie es war… Ein Sperrfeuer von sinnlosen Wörtern prasselten gegen die Wände seines Schädels. Er ermahnte sich ruhig zu bleiben. Im Gegensatz zu allem, was er von sich in diesem Augenblick erwartet hatte, war er erregt. – Er war erregt.

Dann begann er aus der Dunkelheit eine Stimme zu hören, eine leiernde, idiotische Stimme. Wie von einem Tonbandgerät.

„Du kehrst in eine Art Innenwelt ein. Die Dinge entrücken – wie hinter Glas – unberührbar in die Ferne. Werden fremd.“

Da war doch was in seiner Wohnung. Vielleicht die Katze? Hatte er die Balkontür aufgelassen.

Er öffnete die Augen. Konnte aber nichts erkennen.

„Schließ‘ die Augen!“

Er versuchte sich die Tüte vom Kopf zu reißen. Es ging nicht! Als ob sie jemand fest zusammenhalten würde.“

Drei Tage später findet auf dem Zentralfriedhof Stefans Beerdigung statt. Marina eröffnet Eva, daß sie ihm kurz vor seinem Tod noch ein Versprechen gegeben hat. Sie will sich für ihn die Brustwarzen wegmachen lassen. Eva ist fassungslos.

„Die Brustwarzen?“ Eva prallte entsetzt zurück. „Ja, hat man sowas schon gehört!“

Marina nickte ernst. Fixierte sie. „Hab‘ ich Sebastian versprochen.“ Beugte sich zur ihr hinüber, als wollt sie ihr ein großes Geheimnis mitteilen. „Wollte es dir eigentlich gar nicht erzählen!“

„Dann spürst du ja gar nichts mehr!“ Irritiert sah sie Marina an.

„Und?“ Marina schürzte die Arme. „Muß ich das?“ Sie blickte nach oben in den Himmel. „Ich fühle den Regen, die Wärme der Sonne, auch den Wind“, sagte sie trotzig und fuhr fast schwärmerisch fort: „Das Streicheln des Windes. Es ist angenehm, die Sonne auf der Haut zu spüren. Den Wind und all das zu fühlen.“ Sie bückte sich. Griff in den Kiessand. „Ich spüre den feuchten, weichen Sand, der einen streichelt, in den man hineingreifen kann, der alles mit sich machen läßt.“ Sie ließ ihn durch die Finger auf ihren Arm rieseln und warf den Rest in die Luft.

„Der alles mit sich machen läßt!“ wiederholte Eva spöttisch. „Und das reicht dir?“

„Wieso nicht!“ Sie ging auf Eva zu. „Weg mit den ekligen, warzigen Drüsen. Diesen höckerigen Knoten!“ Streckte ihr die Arme entgegen und machte mit den Händen Schraubbewegungen, als wollte sie Eva die Brüste abschrauben. Eva wich zurück. „Ich brauch‘ sie nicht!“

„Wenn du meinst!“ entgegnete Eva höhnisch

„Ich hab‘ sie bisher nicht gebraucht“, ergänzte Marina. „Und werd‘ sie auch in Zukunft nicht brauchen!“

Eva fragt nach den Umständen dieses Versprechens. Marina antwortet.

„Ganz verklärt war sein Blick, nachdem ich’s ihm versprochen hab‘.“

Eva runzelte die Stirn. „Verklärt! Stefan?“

„Ja! Regelrecht glücklich.“ Marina stelzte vor ihr hin und her. „Wie Sebastian. Sebastian hat vor Freude gezittert, als er da hing. – Aber was sag‘ ich!“ Sie packte Eva am Ellenbogen. „Laß uns gehen. Die werden nicht auf uns warten!“ […]

Ich geb‘ zu, am Anfang hat er zwar verwundert seine Augen weit aufgerissen und ein bißchen geröchelt.“ Marina hatte die Hände leicht erhoben. Sie atmete heftig, dabei erzeugte sie ein merkwürdiges Geräusch in der Kehle.

Eva brachte kein Wort heraus, sah ihre Freundin flehend an. Biß hektisch die Lippen aufeinander.

„Du kennst das ja!“ fuhr Marina fort. „Da war die Mauer zwischen ihm und mir noch unüberwindbar. Doch dann –“ Sie machte eine Pause. „Dann war ich endlich ganz nah‘ bei ihm. – Ihm brannte es buchstäblich unter den Nägeln, mich anzuspornen und zum Eingriff zu ermuntern. Aber er konnte es nicht. Die Zunge lallte. Er zuckte und wand sich wie ein Wurm. Wie ein furchterregendes Ungeheuer an einem riesigen Angelhaken und schüttelte schließlich zustimmend mit dem Kopf.“

Eva rang nach Atem. Ihr Mund öffnete sich, als wolle sie schreien. Aber kein Laut kam über ihr zitternden Lippen. Schließlich stammelte sie: „Von was sprichst du eigentlich?“ […]

Marina nahm Eva in den Schwitzkasten. „Das ist mit den Plastiktüten ist doch voll widerlich“, flüsterte sie und ließ Eva wieder los.
„Woher weißt du das?“ Eva spitzte mißbilligend den Mund.

„Meinst du das hab‘ ich nicht mitgekriegt! Was ihr da so treibt! Dein Zimmer liegt doch neben meinem!“ Marina wurde laut. „Der Sabber überall. Das Hecheln. Plastik im Mund und in den Nasenlöchern. Und dann das verzerrte, aufgedunsene Gesicht. Die Fratze! Häßlich! Man hat das ja bei Beck gesehen. – Wie der aussah! Mit der Tüte über dem Kopf. – Das war nicht schön! Und auf die Dauer macht’s blöd! Und schwemmt auf.“ Marina hielt einen Moment inne und streckte die Arme prophetisch in den Himmel. Evas Augen folgten ihr angespannt, als ob ihr Gefahr von ihr drohte. „Hängen ist da viel besser!“ fuhr Marina fort, die Augen in den Himmel gerichtet. „Frei in der Luft zu hängen, ist doch viel schöner, als am Boden herumzuzappeln und rumzucken.“ Eva spürte, wie ihr der kalte Schweiß ausbrach. „Einfach reiner! Fast ohne Körper, ohne die ekligen Körperflüssigkeiten.“ Sie senkte die Arme. „Na, ja. Fast! Deswegen ja auch das Kondom!“ […]

„Nur für mich!“ Marina macht ein hochmütiges Gesicht. „Der perfekte Sex!“ brüllte sie plötzlich. „Wenn das schon sein muß! – Was sag‘ ich? – Die reine Befriedigung! Ohne einen anderen zu berühren, anzufassen, zu streicheln, umarmen, zu küssen. Nackte Körper schnaubend, klatschend übereinander. Und dann der Gestank! Igitt! Wenn ich’s mir vorstelle, wird mir schon schlecht. – Nur für mich haben sie sich entblößt, ihren Hals tapfer in die Schlinge gesteckt und sich mit Heldenmut fallen lassen.“ […]