2008 im Bell-Vue: Konversion als Chance

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Konversion als Chance

Beitrag zum Spurwechsel im Hunsrück

Norbert Barth, Bell Dezember 2008

 

Die gemeinsame Iindexnitiative von DGB und Kultursommer Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit der Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultur und Kulturpädagogik gab den Anstoß für einen Veranstaltungszyklus im Hunsrück. In Kooperation mit der örtlichen Friedensinitiative und dem Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung wurde Titel, Rahmen und inhaltlicher Anspruch formuliert. ‚Lebenswelten – Arbeitswelten’ das Motto des Kultursommers 2008 sollte auf die Bedingungen einer stark von militärischen Hinterlassenschaften geprägten Region zugeschnitten werden. Zu den hochgesteckten Zielen des Projektes heißt es im Antrag:

„Die Möglichkeiten zukünftigen Arbeitens lassen sich nur noch im globalen Kontext diskutieren; Klimakatastrophe, Hungersnöte, Kampf um die Ressourcen – um nur einige Stichworte zu nennen – setzen die Rahmenbedingungen für die Entwicklung von nachhaltigen und zukunftsfähigen Ausbildungs- und Arbeitsplätzen. Ziel des Projektes ist es, in die Debatte um Konversion zentrale und wohl auch objektiv unausweichliche Anforderungen internationaler Verantwortlichkeit zu implementieren.

Konversion also auch im Sinne von ‚kulturellem Wertewandel’ zu formulieren.“

Schon frühzeitig hatten wir uns darauf verständigt, dass ein thematischer Input durch eine Theateraufführung der ‚Berliner Compagnie’ erfolgen sollte. Seinerzeit wurde daran gedacht, das Themenstück ‚Das Blaue Wunder’ zur Privatisierung des Wassermarktes und zu den Bedingungen der internationalen Verfügbarkeit dieses wichtigsten Lebensmittels anzubieten.

 

Deutsch-Polnischer Jugendaustausch

Ein Aspekt der Konversion war für die Veranstalter die Nutzung des ehemaligen Militärflughafens Hahn. Hier sollte versucht werden, diese internationale Drehscheibe auf den Hunsrückhöhen für einen kleinteiligen Kulturaustausch mit den angeflogenen Zielen zu nutzen. In Gesprächen mit der regional wichtigsten Fluggesellschaft Ryanair und dem Flughafenbetreiber Fraport wurde versucht, die Möglichkeiten eines diesbezüglichen Sponsoring auszuloten. Konkret sollte in einem Pilotprojekt für den Mai 2008 eine polnische Musikgruppe aus dem Raum Krakau eingeladen – oder besser: eingeflogen – werden.

Von Seiten der Fraport kam das Angebot, in der Zeitschrift ‚Hahn-News’ vorher und nachher ausführlich zu berichten. Ryanair erklärte sich bereit, einige der Personentickets zu übernehmen aber für den Transport der Musikinstrumente entweder sehr hohe Sondergepäckzuschläge oder jeweils zusätzliche Sitzplätze in Rechnung stellen zu müssen. Vor diesem Hintergrund erwies sich dann die Anreise der polnischen Gäste mit dem Bus und auf der Landstraße als kostengünstiger.

Ein ausführlicher Bericht zum Besuch aus Polen findet sich in der Anlage. Auch in der RHZ wurde das Ereignis gewürdigt.

Politisches Neujahrsgespräch

Um auf die Wasserproblematik hinzuarbeiten, wurde bereits am 15. Januar 2008 zu einem politischen Neujahrsgespräch eingeladen. Mit Einleitungsreferaten von Frau Dr. Sabine Ferenschild (Ökumenisches Netz) und Frau Heide Weidemann (BUND) sollten regionale und internationale Aspekte der Wasserversorgung thematisiert werden. Für das Podium wurden Landtagsabgeordnete der SPD (Joachim Mertes) und der CDU (Hans-Josef Bracht) eingeladen.

In der Diskussion zeigte sich alsbald ein organisations- und parteiübergreifender Konsens. Alle Beteiligten stimmten darüber ein, dass die Wasserversorgung zwingend eine kommunale Aufgabe bleiben müsse – dass eine Privatisierung nicht in Frage kommt. Vor diesem Hintergrund war es etwas schwierig und abstrakt, die politische Verantwortung für Missstände und Fehlentwicklungen im globalen Kontext herauszuarbeiten.

Wohl war es auch ein Fehler, nicht stärker auf konkrete Vorhaben in der Region eingegangen zu sein. Etwa den Bau einer Abfahrtsskihalle (anfangs für Beltheim geplant, derzeit für den Idarkopf im Gespräch) oder die Auseinandersetzung um Windkraftanlagen. Hier hätte die Diskussion um einen verantwortlichen Umgang mit Ressourcen etwas praktischer und wohl auch kontroverser geführt werden können.

Über diese Veranstaltung wurde in der lokalen Ausgabe der Rhein-Zeitung (Rhein-Hunsrück-Zeitung RHZ) berichtet. Allerdings wurde dabei die Hälfte der anwesenden Zuhörer und Mitdiskutanten übersehen (es waren über 60 Teilnehmer) und für das Foto die denkbar schlechteste Perspektive gewählt. Dies ließ bereits jetzt für die Berichterstattung über das Spurwechselprojekt im Hunsrück nichts Gutes erahnen.

CoolTur-Markt in Kastellaun

 

Dieser Teil des Spurwechsels fand in erster Linie in Zusammenarbeit mit dem Jugendparlament in Kastellaun statt. Die jungen Leute hatten 2007 ein Ausschreiben gestartet (Pimp my Kastellaun) und u.a. den Vorschlag für einen Jugendmusiktag in die Prämierung aufgenommen. Der Vorschlag sollte in das Spurwechselprojekt integriert werden.

 

Trotz der schwierigen Erfahrungen mit den Verantwortlichen des ehemaligen Militär-Flughafens wurde erneut ein Anlauf unternommen, via Hahn Künstler in den Hunsrück einzuladen. Die Probleme mit dem Gepäcktransport berücksichtigend wurde nunmehr aber ein besonderes Augenmerk auf das Spielgerät gelegt. Musiker mit Kontrabass schieden aus – Mundharmonika oder a cappella waren möglich.

(Einschub: Diese Einschränkungen erinnerten mich an die Erfahrungen von Oskar Maria Graf, der in den 20er Jahren als Lektor an einem Münchner Theater tätig war. Da aus sicherheitstechnischen Gründen jeweils nicht mehr als vier Schauspieler auf die Bühne durften, musste Graf die zu spielenden Stücke unter feuerpolizeilichen Aspekten vorsortieren.)

 

Wie auch immer – wir haben erneut probiert, den Hahn in unsere Planung einzubeziehen und diesmal außerdem Kontakte zu den in Deutschland ansässigen Botschaften und Konsulaten sowie den grenzübergreifend tätigen Jugendaustauschorganisationen gesucht – z.B. Finnland, Lettland, Italien und Slowakei. Die Resonanz war dabei insgesamt positiv ( „Ja, macht mal – wir freuen uns“), die Bereitschaft zur praktischen Unterstützung erwies sich allerdings als eher überfordernd und schwierig. So langsam lief auch die Zeit davon. Ein Planungsvorlauf von 5 – 6 Monaten ist hier in der Tat wohl zu knapp bemessen.

Schließlich entschieden wir uns, für den CoolTur-Markt ausschließlich Theaterleute und Musiker aus der näheren Umgebung einzuladen – und hätten uns gefreut, wenn die Beteiligten ein wenig mehr ihre jeweiligen Fanclubs mobilisiert hätten. Ein ausführlicher Bericht findet sich in der Anlage. Ebenso die Presseberichterstattung in der RHZ.

Berliner Compagnie – Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch

 

Wie eingangs erwähnt, sollte ein Auftritt der zeitkritischen Theatertruppe Bestandteil des Spurwechsels im Hunsrück sein. Ursprünglich war daran gedacht, das Stück zur Wasserthematik Ende Mai sowohl für eine öffentliche Veranstaltung als auch in einer geschlossenen Schülerinnen- und Schülerdarbietung anzubieten. Allerdings stellte sich die Zusammenarbeit mit den Schulen als äußerst problematisch heraus. Ferienzeiten, Klausurwochen und Klassenfahrten machten letztendlich die erste Planung zunichte. Daraufhin wurde das Theater in den Herbst verschoben.

 

Für diesen Zeitraum stand ‚Das Blaue Wunder’ allerdings nicht mehr im Spielplan. Es ergab sich aber die Möglichkeit, die dann neueste Produktion der Berliner Compagnie mit dem Titel ‚Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch’ ins Programm zu nehmen. Ein vorläufiges Exposé zu diesem Stück lag bereits vor. In Abstimmung mit den anderen Veranstaltern wurde beschlossen, dass auch diese Thematik grundsätzlich zum Konversions-Motto passen würde. Das Theater wurde für den 30. Sept. 2008 für eine öffentliche Veranstaltung und den 01. Okt. zur Schülerveranstaltung eingeladen.

 

Im Vorfeld der Aufführungen wurde das Ereignis mit relativ hohem Kosten- und Arbeitsaufwand beworben. In der Rhein-Zeitung und im Wochenspiegel wurden Anzeigen geschaltet, in den Kulturankündigungen des örtlichen Amtsblattes erfolgten mehrer Hinweise, zusätzlich wurden Handzettel und Plakate gedruckt. ZU der öffentlichen Veranstaltung am 30. Sept. kamen etwa 100 Zuschauer. Für die zweite Aufführung hatten sich im Vorfeld 250 Schülerinnen und Schüler angemeldet – letztendlich kamen aber weit über 400.

Nachdem bis zum darauffolgenden Montag (6. Okt.) keinerlei Berichterstattung über diese Rheinland-Pfalz-Premiere der Berliner Compagnie in der RHZ erfolgte, bemühten wir uns um eine Erklärung. Die zuständige Lokalredaktion bedauerte, keinen Redakteur entsendet zu haben und bot an, doch selbst etwas zu schreiben. Der am 8. Okt. veröffentlichte Artikel findet sich in der Anlage. Die veröffentlichte Version wurde urheberrechtlich nicht gekennzeichnet.

Wird Deutschland am Hindukusch verteidigt ? – Diskussion am 23.10.08

 

Zum Vortrag des Aachener Friedenspreisträgers Prof. Andreas Buro und zur Diskussion über die deutschen Bundeswehreinsätze in Afghanistan erschienen ca. 80 Menschen. (Anmerkung des Verfassers: Man sagte mir, das sei doch noch recht gut gewesen für dieses schwierige Thema. Allein aber das von den vielen Schülern die wir erreicht hatten nur jeder zwanzigste den Weg zur Debatte gefunden hatte, fand ich etwas enttäuschend. Gefreut hab ich mich allerdings über die Anwesenheit der Herren von der Bundeswehr. Daneben dann viele der ‚üblichen Verdächtigen’ aus der Friedens- und Umweltbewegung und etliche interessierte Bürger.)

 

Neben Buro war auch das übrige Podium durchaus hochkarätig besetzt. Befürworter bzw. Gegner der Auslandseinsätze waren die MdB’s Ursula Mogg (SPD) und Paul Schäfer (Die Linke). Der Leiter der örtlichen Bundeswehreinheit (..und Entsendestation) Oberstleutnant Dr. Frank Utzerath saß ebenfalls in der Runde. Die Rolle der Moderatorin hatte Katja Maurer, Pressesprecherin bei medico international, übernommen.

 

In seinem Einleitungsreferat hatte Buro verschiedene Varianten für die weitere Entwicklung in Afghanistan aufgefächert, das Ungleichgewicht von militärischer und ziviler ‚Unterstützung’ thematisiert und einige wirtschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen benannt, die für den Übergang in eine befriedete verantwortliche Gesellschaft notwendig scheinen.

 

Die Diskussion erbrachte weitgehend Einigkeit darüber, dass mit den in Afghanistan eingesetzten Ressourcen eigentlich klüger umgegangen werden sollte, als sie zu 90 % als Kriegs’spiel’zeug zu verballern. Die Schwerpunktsetzung müsse in Zukunft irgendwie auf die zivile Entwicklung verlagert werden. Leider glaubte Frau Mogg, den Auslandseinsatz noch einmal grundsätzlich rechtfertigen zu müssen. Am Rand der Peinlichkeit bediente sie sich dabei jener naiven Denkmuster, wie man sie heute bestenfalls noch bei George W. Bush persönlich vermuten würde.

 

Der Vertreter der Linken betonte, dass auch sie nicht für einen überstürzten Abzug der Truppen plädieren würden – vielmehr sei ein Übergangsszenario zu entwickeln.

Zu den Aspekten und Erfordernissen eines Strategiewechsels konnte und wollte Dr. Utzerath nichts beitragen und verwies auf die Verantwortung der Politik. Wir erlebten also nicht den ‚mündigen Staatsbürger in Uniform’ sondern einen Befehlsempfänger. Die Beantwortung der Frage, ob dieser Krieg denn militärisch noch zu gewinnen wäre, sei nicht sein Ressort. Er berichtete allerdings recht aufschlussreich über Vorbereitung und Nachsorge mit den Damen und Herren, die mit einem Afghanistan-Einsatz konfrontiert werden.

 

Buro erinnerte daran, dass die Forderung nach einem Strategiewechsel keine Erfindung der Friedensbewegung sei, sondern mittlerweile auch in den Entscheidungsebenen bei EU und NATO diskutiert werde. Allein der starke Einfluss der USA verhindere einen konstruktiven Prozess. In einer weiteren Fragerunde ging es um die „Legitimationsproduktion“ (Buro) die von den Verantwortlichen in der Politik und in den Streitkräften kommuniziert wird.

 

Insgesamt war das ein hochinteressanter und spannender Abend. Vielleicht hätte es der Diskussion gut getan, wenn die Position der Auslandseinsatzbefürworter doppelt besetzt und mit einem etwas besonnenerem CDU-MdB ergänzt worden wäre. Außerdem hätte Frau Katja Maurer als Vertreterin von medico mit ins Podium gehört und dem Chefredakteur der RHZ hätte die Moderation angetragen werden müssen. Ob dass allerdings auch zu einem stärkerem Publikumszuspruch geführt hätte, sei einmal dahingestellt.

Eine Berichterstattung in der RHZ hat jedenfalls nicht stattgefunden.

Zusammenfassung

Die gewünschte Zusammenarbeit und Vernetzung der beteiligten Organisationen und Vereine ist nur punktuell gelungen. Die einzelnen Mitveranstalter haben sich überwiegend nur für die Programmanteile engagiert, die sie auch selbst eingebracht hatten. Eine Kooperation mit dem örtlichen DGB und seinen Gliederungen konnte überhaupt nicht umgesetzt werden. Anfänglich wurden vereinzelt Kontakte hergestellt. Da aber der Gewerkschaftsbund und seine Einzelgewerkschaften über keine funktionierenden (hauptamtlichen) Strukturen im Hunsrück verfügen, ist diese Zusammenarbeit versandet.

Bei den gesteckten Zielen des Projektes war die zu überspringende Latte ziemlich hoch gelegt. Es war sicher ein Fehler, die Frage nach Konversion, nach zukunftsweisender und ressourcenschonender Arbeits- und Lebensgestaltung an solch abstrakten Fragen wie dem internationalen Wasserhandel und dem Bundeswehreinsatz am Hindukusch problematisieren zu wollen.

Gleichwohl hat sich gezeigt, dass es durchaus ein Interesse an der Diskussion von inhaltlichen politischen Fragen gibt. Die Friedensinitiative und der Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung überlegen derzeit (Nov. 2008), wie und in welcher Form auch im nächsten Jahr einzelne Informations- und Diskussionsveranstaltungen angeboten werden könnten.

Das Jugendparlament wird vielleicht eine Gesprächsrunde zur Imagedebatte in Kastellaun – zwischen kultureller Identität und touristischer Vermarktung – organisieren.

Impulse für weitere Kulturdarbietungen auf dem Kastellauner Marktplatz erhoffen wir uns vom CoolTur-Markt. Die Resonanz war der Anwohner war positiv. Es bleibt zu hoffen, dass diese Anregung auch im nächsten Jahr von den Gemeindeverwaltungen aufgenommen wird.

Sicher schlummert hier auch eine reizvolle Aufgabe für die ‚Verbindungsbüros’ auf dem Flughafen Hahn. Im MOEZ oder in der Hunsrück-Touristik sollte doch eine Art Oskar Maria Graf zu finden sein ? Es wäre spannend, den Hahn – dieses Nadelöhr internationaler Beziehungen, für einen regionalen Kulturaustausch zu entdecken.

Die Idee von Spurwechsel 6 bestand ja nun auch darin, möglichst viel an Eigendynamik und offener Entfaltung zuzulassen und Prozesse anzustoßen. Dynamik war auf jeden Fall.

Projektkoordination / Spurwechsel 6 / Norbert Barth

P.S.: Zwischenzeitlich hat eine gemeinsame Auswertung mit den Beteiligten am Spurwechsel stattgefunden. Auch in den anderen Projekten war es offenbar schwierig, eine angemessene Berichterstattung in der Rhein (Monopol) Zeitung zu finden. Selbst die Abschlussveranstaltung mit Oskar Negt wurde presseseitig ignoriert.

Bell, im Dez. 2008

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