Christiane Wirtz liest im Bukafski am 13. April 2018

Christiane Wirtz wohnte lange Zeit in der Mainzer Neustadt.

Sie ist 34, als plötzlich die erste Psychose auftritt. »Schizophrenie« lautet die Diagnose. Diese schwere Krankheit von großer Zerstörungskraft ist nach wie vor stark angst- und schambehaftet, und es herrscht große Unkenntnis, obwohl Millionen Menschen in Deutschland von ihr direkt oder indirekt betroffen sind. Die sozialen Konsequenzen dieser Mischung aus Krankheitsfolgen, ChristinaeWirtz_NebenDerSpurUnkenntnis und Ablehnung bekommt Christiane Wirtz grausam zu spüren. Sie verliert alles: Job, Freunde, Eigentumswohnung, Altersvorsorge. Das Leben war vorbei. Aber darf die Gesellschaft zulassen, dass Menschen so tief fallen?

Wirtz erzählt, wie sie komplett abrutschte, lässt Ärzte, Psychologen, Anwälte, Eltern, ehemalige Kollegen zu Wort kommen. Sie fordert eine breite Debatte über psychische Krankheiten, ein Ende der Diskriminierung. Sie appelliert an die soziale Verantwortung der Gesellschaft. Ihre Botschaft an die Betroffenen: Lasst Euch nicht stigmatisieren. Und an die anderen: Baut Vorurteile ab und erkennt, dass eine Krankheit Menschen nicht aussondern darf, dass sie während und nach einer Psychose Solidarität verdienen.

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Bukafski Buchhandlung und Café, Kurfürstenstrasse, 9, 55118 Mainz

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SWR2: Nimm doch einfach deine Tabletten

ChristinaeWirtzFASNachtcafe1Bericht in der AZ-Mainz vom 8.4.2018

Nur in meinem Kopf: Christiane Wirtz beschreibt, wie es ist, „verrückt“ zu sein

Von Christiane Wirtz

MAINZ – Vor etwa 17 Jahren: Ich bin 34 Jahre, wohne in der Mainzer Neustadt in der Leibnizstraße, ich bin festangestellte Hörfunkjournalistin, habe in Mainz studiert, doch mein Leben erscheint mir sinnlos. Ich habe mich in jemanden verliebt, den ich kenne, seit ich 19 bin. Wir arbeiten zusammen, wir sind uns sehr nahe, wir schätzen uns sehr, wir flirten miteinander, doch er ist gebunden. In einer Ehekrise lässt er sich trotzdem auf mich ein, ich mich auch auf ihn, aber die Sache geht nicht zu meinen Gunsten aus.

Ich werde merkwürdig. Findet mein Umfeld. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren während der Arbeitszeit. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen auf dem Computerbildschirm, alles ist zu viel, zu viele Eindrücke, zu viel Kummer, zu wenig Halt.

Keiner weiß genau, was mit mir los ist und ich auch nicht. Ich fühle, dass etwas mit mir nicht stimmt, weil alles so unglaublich stressig ist. Ich beantrage Urlaub, buche einen Aufenthalt in Zypern, doch ich habe plötzlich Angst vor dem Flug, irgendetwas Schlimmes wird passieren, ich trete die Reise nicht an. Nach dem Urlaub hat sich nichts verändert, die Situation ist eher noch dramatischer geworden.

Unsinnige Fragen, unsinnige Sachen

 Ich gehe einfach nicht zur Arbeit, ich verbarrikadiere mich in meiner Wohnung in der Leibnizstraße. Ich sitze an meinem Esstisch, rauche und trinke Tee, trinke Tee und rauche. Ich grübele ununterbrochen. Ich frage mich, was ich nur falsch gemacht habe, aber ich frage mich auch völlig unsinnige Sachen, wie, ob der Bergkäse, den ich in einem Bioladen in der Nähe gekauft habe, mit einem Freund aus Holzkirchen zu tun hat, dessen Hobby Bergsteigen ist. Die unsinnigen Fragen, die verrückten Fragen in meinem Leben nehmen zu. Ich frage mich auch, ob der vorbeifahrende Käfer mit dem Kennzeichen MZ-JH2876 etwas mit jemand zu tun hat, dessen Namensinitialen JH sind. Ich vermute, dass der etwas Böses im Schilde führt. Der verfolgt mich wegen irgendwas. Wegen was? Ich fliehe wieder in meine Wohnung und grübele. Wie eine Verrückte.

Denn das bin ich. Verrückt. Am Ende eines langwierigen, mehrmonatigen Prozesses lande ich in der Psychiatrie der Mainzer Unikliniken. „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“ lautet die vorläufige Diagnose nach vier Wochen Aufenthalt. Ich bekomme Medikamente, verschiedene werden ausprobiert. Ich bin aber völlig unvorbereitet, mit so einem grausamen Urteil umzugehen. Die Psychiater sagen recht hilflos, was damals Stand der Forschung war: Tabletten nehmen, ruhig verhalten, nicht nachdenken. Für mich ein recht unbefriedigender Rat. Für mich eine Diagnose, die ich nicht akzeptieren will. Ich kämpfe gegen die Krankheit und habe noch viermal eine Psychose, weil ich viermal glaube, ich könnte doch ohne Tabletten auskommen, es ginge mir jetzt gut und ich wäre geheilt. Doch die Krankheit zeigt mir ihre Zähne.

Die vierte Psychose ist die schlimmste

Beim letzten Mal, also durch die letzte Psychose, habe ich sehr viel verloren: meinen Job, meine Eigentumswohnung, habe meine Lebensversicherung aufgebraucht. Vielen Freunden war mein bizarres Verhalten zu viel, viele Bekannte haben sich zurückgezogen. Denn die Wahnvorstellungen wurden immer abstruser: So glaubte ich, ich sei die Tochter von Mick Jagger und die Nichte von John F. Kennedy, mein Bruder der „Red Hot Chili Peppers“-Leadsänger Anthony Kiedis. Einmal dachte ich, mein Vater käme mich mit einem Raumschiff abholen. In der glutheißen Sommermittagssonne habe ich auf dem Kölner Friesenplatz auf ihn gewartet bis in die Nacht. Er kam nicht. Aber ich in die Psychiatrie. Wieder.

Doch ich habe nicht aufgegeben. Die Krankheit hat auch eines erreicht: Sie hat Kraft in mir mobilisiert, von der ich nie geahnt hätte, dass ich sie besitze. Auf die Frage, was mit so einem von vielen Brüchen gekennzeichneten Leben anzufangen ist, habe ich mir die Antwort gegeben: über die Krankheit zu informieren, Missstände, die mir aufgefallen sind, zu benennen und zur Diskussion darüber beizutragen.

Wer schizophren ist, wird ausgegrenzt

Eine Untersuchung der Universität Greifswald aus dem Jahr 2011 nennt erschreckende Zahlen hinsichtlich Stigmatisierungen von Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung. Über die Hälfte der Befragten würde es ablehnen, einen Menschen mit Schizophrenie einem Freund vorzustellen (53 Prozent), ihn für einen Job zu empfehlen (63 Prozent), ihn als Mieter zu akzeptieren (58 Prozent), oder in der Familie (60 Prozent). 49 Prozent der Befragten sagen, dass sie sich in Gegenwart eines an Schizophrenie erkrankten Menschen unwohl fühlen, 37 Prozent haben Angst vor ihm. Das sind grausame Zahlen, meine ich. So schlimm habe ich es selbst nicht empfunden, obwohl ich auch Ablehnung und Unsicherheit im Zusammenhang mit meiner Krankheit erlebt habe. Und da muss sich etwas bewegen. Deshalb habe ich meine Geschichte im Hörfunk veröffentlicht. Deshalb habe ich nun ein Buch geschrieben.

Mittlerweile geht es mir ganz gut. Ich wohne in Köln, habe einen Job und einige der Beziehungen, die geruht haben oder die sogar zerrissen waren, sind neu geknüpft. Gerade das Ansprechen dieser Problematik brachte mir viel Resonanz von Betroffenen und Angehörigen. Es haben sich Menschen bei mir gemeldet, die vorher Berührungsängste hatten, nicht wussten, wie sie mit mir umgehen sollen.

„Ich will etwas gegen die Stigmatisierung tun“

Ich nehme Tabletten, aber relativ niedrig dosiert. Die Medikamente haben gar nicht so harmlose Nebenwirkungen, zu denen eine Art gefühlsmäßiges Eingefrorensein gehört. Beispiel: ein Mensch, der hochdosiert Tabletten nimmt, wird ohne Interesse auf erste Anzeichen des Frühlings reagieren. Während „normale“ Menschen ein Gefühl von Begeisterung und Aufbruch empfinden, spürt ein solcher Mensch wenig oder nichts. Das nimmt Lebensfreude. Ich habe die Krankheit, so schwer es ist, angenommen. Ein Schritt war, diesen Artikel unter meinem Namen zu veröffentlichen. So kann ich mir kein Türchen aufhalten, dass ich ja doch nicht wirklich ein Problem habe. Für das es allerdings nicht „die“ Lösung gibt, sondern nur verschiedene Ansätze. Das eventuell immer mit Tabletten begleitet sein wird. Das Stigmatisierungen mit sich bringt. Aber dagegen, dass die Krankheit ein Tabu ist, tue ich ja jetzt etwas.