Uni Marburg würdigt Clemens Ronnefeldt

„Konflikte können diplomatisch gelöst werden, davon ist Clemens Ronnefeldt überzeugt und reist in dieser Mission in Spannungsgebiete. Jetzt ist er mit dem Peter-Becker-Preis der Universität Marburg ausgezeichnet worden. Seine Botschaft: Man muss an den Ursachen ansetzen.“ schrieb die Süddeutsche Zeitung und druckte ein Interview mit dem Preisträger.

Bei diesen Reisen wurde Clemens Ronnefeldt mehrfach finanziell durch die Sczech-Stiftung unterstützt. Deshalb war die Freude groß, als die Nachricht von der Preisverleihung eintraf.

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Clemens Ronnefeldt Uni Marburg 23. Januar 2017 (alle Fotos Uni Marburg)

Rede von Clemens Ronnefeldt anlässlich der Preisverleihung des Peter-Becker-Preises am 20.1.2017 in Marburg

Sehr geehrte Frau Krause, sehr geehrte Frau Buckley-Zistel,

sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrter Herr Kanzler,

lieber Peter Becker, liebe Mitglieder der Jury, liebes Auditorium,

zunächst möchte ich Dir, lieber Ulrich (Duchrow), ganz herzlich für deine Laudatio danken.

Es war zuletzt Mitte November 2016, als ihr beide, Maximiliane und Johannes, mich zu einem Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung und am nächsten Tag zu einem Nahost-Forschungsseminar an die Universität Marburg eingeladen habt.

Dass ich heute erneut als Preisträger des Peter-Becker-Preises eingeladen bin, erfüllt mich mit großer Freude.

Ebenfalls freut mich, dass die Präsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes IFOR (die Abkürzung für: International Fellowship of Reconciliation), Frau Davorka Lovrekovic, und der Präsident des deutschen Zweiges, Herr Ullrich Hahn und seine Frau Eva sowie der Vorsitzende des deutschen Zweiges, Berthold Keunecke, gekommen sind.

Ich möchte gerne einige Bilder zeigen, von denen ich annehme, dass sie im Zusammenhang meiner heutigen Ehrung stehen.

Vor mehr als 30 Jahren hat mich die Friedensarbeit auf dem Hunsrück am Cruise-Missile-Stationierungsort Hasselbach geprägt.

In den 90ger Jahren konnten wir mit vielen Menschen zusammen das Leid von Kriegsopfern auf dem Balkan lindern, mit Zivildienstleistenden in Flüchtlingslager in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien neue Lebensfreude bringen.

Als wir im November 1990 in Bagdad waren, sagte uns eine Krankenschwester bei der Entgegennahme von Medikamenten: „Euer Besuch ist für mich wie frischer Tau in der Wüste“.

Auf dem Höhepunkt der 2. Intifada im April 2002 reisten wir mit einer IFOR-Delegation nach Israel und Palästina, die von unserer Ehrenpräsidentin Dr. Hildegard Goss-Mayr geleitet wurde. Wir besuchten u.a. Erzbischof Michel Sabbah in Jerusalem, der kurz zuvor in Bethlehem in der Geburtskirche eine Gruppe von eingeschlossenen bewaffneten Palästinensern durch Verhandlungen davor bewahrt hatte, entweder ausgehungert oder beim Verlassen der Kirche erschossen zu werden. Mich beeindruckte damals, dass es offenbar selbst in ausweglos scheinenden Situationen Möglichkeiten der zivilen Konfliktlösung gibt.Marburg-5 12

2005 nahm ich als europäischer Vertreter an einer Delegation des US-Versöhnungsbundes nach Iran teil. Wir trafen u.a. eine Frauenorganisation, deren mehr als 5000 Frauen sich für Umweltschutz und erneuerbare Energien einsetzen.

In Teheran besuchten wir die größte jüdische Gemeinde und sprachen in der Synagoge mit dem jüdischen Parlamentsabgeordneten Dr. Maurice Motamed.

Zwei Mitglieder unserer Delegation waren jüdische US-Staatsbürger, die von Dr. Motamed für ihren Mut gewertschätzt wurden, auf der Suche nach Verständigung und der Abwendung von Militärschlägen gegen Iran die weite Reise aus den USA auf sich genommen zu haben.

Ich bin überzeugt, dass solche zivilgesellschaftlichen Initiativen des Brückenbauens oder auch Städtepartnerschaften den Boden mit dafür bereiten können, dass auf höherer politischer Ebene leichter Konflikte zwischen Staaten gelöst werden können.

In Palästina beeindruckt mich die Arbeit der Versöhnungsbund-Organisation „Holy Land Trust“. Mein Kollege Marwan Fararjeh baut mit betroffenen Familien und Freiwilligen zerstörte palästinensische Häuser wieder auf. 

In unserem IFOR-Zentrum „Wi`am“ – arabisch für „Herzensverbindung“ – wird traditionelle arabische Mediation sowie Gemeinwesenarbeit für Frauen und Jugendliche angeboten.

Dem Internationalen Versöhnungsbund gehören heute rund 100 000 Mitglieder in mehr als 40 Staaten der Erde an. Sechs Friedensnobelpreis-träger_innen sind seit 1914 aus unserem Verband hevorgegangen, darunter Mairéad Corrigan und Dr. Martin Luther King jr.

2012 besuchten wir mit einer IFOR-Delegation den Botschafter des Vatikan in Kairo und informierten uns über die zunehmend gefährlichere Lage der rund zehn Prozent koptischen christlichen Minderheit in Ägypten.image1

Im März 2016 reiste ich mit einer Gruppe der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung“ unter Leitung von Dr. Gisela Penteker und Mehmet Bayval u.a. nach Ankara, Diyarbakir und Cizre.

In Ankara trafen wir den zu fünf Jahren Haft verurteilten Cumhyriet-Journalisten Erdem Gül, der zusammen mit seinem Kollegen Can Dündar wahrheitsgemäß über türkische Waffenlieferungen an Dschihadisten in Syrien berichtet hat.

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Aufruf: „Unterstützen Sie die Arbeit von Clemens Ronnefeldt, Friedensreferent des Versöhnungsbundes“

Starke Nerven brauchten wir, als wir durch Cizre gingen – einer kurdischen Hochburg, die wenige Tage vor unserer Ankunft unter schweren Beschuss der türkischen Armee geraten war.

Seit vielen Jahren sehe ich eine meiner Aufgaben darin, in deutschsprachigen Ländern jenen Personen in Artikeln und bei Veranstaltungen eine Stimme zu geben, die wegen ihres Einsatzes für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte unterdrückt werden.

Aktuell ist es mir ein Herzensanliegen, darauf hinzuweisen, dass im Schatten des Syrien- und Irak-Krieges auch andere Menschen, die Opfer von Gewalt z.B. in kurdischen und palästinensischen Gebieten oder im Jemen werden, unsere öffentliche Wahrnehmung und Solidarität benötigen.

Meine bisher größte Herausforderung war im Jahre 2011 zusammen mit dem Journalisten Andreas Zumach die Moderation einer Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Nahen und Mittleren Osten mit 27 Teilnehmenden aus Israel, Palästina, Türkei, Syrien, Jordanien, Irak, Iran, und Kuweit.

Nachdem alle Teilnehmenden ihre Projekte vorgestellt hatten, bildeten wir länderübergreifende Querschnittsgruppen zu den Themen Wasser und erneuerbare Energie, Friedenserziehung, interreligiöser Dialog und eine massenvernichtungswaffenfreie Zone.

Zunehmend beschäftigt mich auch die Frage, wie die Konflikte und Kriege der von mir bereisten Region im globalen Zusammenhang zu sehen sind.

Vielen Menschen ist bewusst, dass das 2-Grad-Erderwärmungsziel bis zum Jahre 2050 nur eingehalten werden kann, wenn 80 Prozent aller weltweit bekannten Vorräte an Öl, Gas und Kohle in der Erde verbleiben.

Konzepte wie Postwachstums- und Gemeinwohlökonomien, Bioregionalismus und das „Lassen“ jener Handlungen, welche die Lebenschancen anderer Menschen und zukünftiger Generationen mindern, sind überzeugend – aber noch wenig umgesetzt.

Einfach leben, damit andere einfach überleben, Teilen statt Töten, den mit Überfluss gefüllten Tisch länger statt Zäune höher machen – diese Botschaften bei immer enger werdenden Spielräumen umzusetzen, wird eine politische und geistige Herausforderung werden.

Schon jetzt freue ich mich darauf, am 17. Februar 2017 bei der Internationalen Münchner Friedenskonferenz u.a. Prof. Harald Welzer zu diesen Fragen moderieren zu dürfen.

Der heutige Amtsantritt von Donald Trump, der Amerika wieder groß machen möchte, erscheint mir als historische Zäsur.

Wie wird sich das Verhältnis zwischen NATO, USA und Russland weiter entwickeln?

„Mein Gott, wenn mich jetzt mein Opa sehen könnte! Der war vor 75 Jahren auch schon einmal hier“, sagt der Bundeswehr-Soldat auf einer Karikatur an der russischen Grenze.

Bei mir war es mein Vater, der noch an Hitlers Russland-Feldzug teilgenommen hat.

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ – diese Botschaft könnte nicht aktueller sein.DFGVK

Je mehr Gewalt ich in meinem Leben gesehen habe, desto rationaler und überzeugender wurden für mich die Bergpredigt, Gewaltverzicht und Feindesliebe, wie sie Jesus, Gandhi, Martin Luther King jr. und viele andere Frauen und Männer gelehrt und gelebt haben.

Voraussetzung für dieses Handeln ist für mich die Integration meiner Schattenseiten als Beginn aller Friedensarbeit.

Trotz Klimaausgleichszahlungen belastet mich meine persönliche Ökobilanz.

Ich hoffe, dass die Umweltzerstörungen durch meine Reisen am Ende aufgewogen werden können durch das Konstruktive, was ich bewirkt habe.

Am Ende meiner Rede möchte ich denen danken, die mich auf meinem Weg bisher begleitet und geprägt haben:

Meinen verstorbenen Eltern, meinen beiden Beratern bei der Kriegsdienstverweigerung, Joachim Dietermann und Michael Germer, Dr. Marshall Rosenberg, meinen Professoren Johannes Beutler, Medard Kehl und Friedhelm Hengsbach an Jesuiten-Hochschule in Frankfurt, Dr. Hildegard Goss-Mayr, Dr. Christine Schweitzer und dem verstorbenen Prof. Andreas Buro für die Zusammenarbeit bei der Dossier-Reihe „Zivile Konfliktbearbeitung“, meinen Reiseleitungen und Dolmetschern, unserem langjährigen Vorsitzenden und Präsidenten, Ullrich Hahn, dem Vorstand des Versöhnungsbundes und meinen beiden Kolleginnen in der Geschäftsstelle.

Mein Dank geht auch an den Versöhnungsbund insgesamt, der mir seit 25 Jahren diese Arbeit ermöglicht.

Ganz besonders danke ich Peter Becker für die Stiftung des Preises und den Personen, die für meine Auswahl als Preisträger votiert haben.

Meiner Familie möchte ich danken, dass ihr mir den emotionalen Rückhalt gibt, mich für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung unserer bedrohten Schöpfung einzusetzen.

Ich danke Ihnen und Euch für die Aufmerksamkeit.

Pressemitteilung: Philipps-Universität würdigt Friedens- und Konfliktforschung

Laudatio von Ulrich Duchrow

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Clemens Ronnefeldt Ostermarsch 2015

Clemens Ronnefeldt im Nahen Osten

Islamischer Staat

von Clemens Ronnefeldt

der nachfolgende Beitrag zum Thema "Islamischer Staat" wird (gekürzt)in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift "Friedensforum" (Bonn) erscheinen

1. Entstehung

Die Ursprünge des „Islamischen Staates“ (nachfolgend: IS) sind beim irakischen Zweig von al-Qaida zu suchen. Der Jordanier Abu Musab al-Zarqawi kämpfte zunächst in Afghanistan für al-Qaida, bevor er Anfang des neuen Jahrtausends nach Irak ging und von dort Terroranschläge in Jordanien organisierte.

450px-WotboxfrontNach dem Irak-Krieg 2003 wurde al-Zarqawi Befehlshaber von al-Qaida im Irak, von wo aus er mit Anschlägen gegen die westlichen Invasoren, deren Botschaften sowie gegen Schiiten und deren Heiligtümer bekannt wurde. Im Jahre 2006 wurde er durch eine US-Bombe getötet. Sein Nachfolger Abu Omar al-Baghdadi wurde im Jahre 2010 ebenfalls umgebracht. Bereits unter seiner Führung benannte sich al-Qaida im Irak in „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) um.

082007_terrorIn dem intensiv geführten sunnitisch-schiitischen Krieg im Irak unterstützte die US-Regierung die sunnitischen Stammesführer, die wiederum al-Qaida bekämpften. Im Jahre 2010 übernahm der heutige IS-Kalif Abu Bakr al-Baghdadi, geboren 1971 im irakischen Samarra, die Führung von al-Qaida im Irak. Nachdem al-Baghdadi aus einem US-Gefangenenlager, wo er im Jahre 2004 mit vielen ehemaligen Offizieren der irakischen Armee unter Saddam Hussein Kontakt hatte,entlassen worden war, promovierte er zum Thema „Scharia“.mappit

Während Michael Lüders schreibt, dass al-Baghdadi „2004 einige Monate in US-Gewahrsam verbrachte“ (S. 89), berichtet Loretta Napoleoni: „Al-Baghdadis Gepflogenheit, sich dem Scheinwerferlicht fern zu halten, wurzelt möglicherweise in seiner fünfjährigen Inhaftierung in Camp Bucca“ (S. 35). Vor seiner Verhaftung 2004 arbeitete al-Baghdadi als Imam in Falludscha, wo die US-Armee besonders gewalttätig agierte. Mit der al-Qaida-Führung in Pakistan kam es zum Bruch: Der Nachfolger von Usama Bin Laden, Ayman al-Zawahiri, wollte einen globalen Jidad gegen die westlichen Invasoren unter US-Führung, al-Baghdadi hingegen kämpfte im Irak vor allem gegen Schiiten und andere Andersgläubige – und wollte einen konkreten Islamischen Staat errichten.

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„Diesen Weg, Ungläubige“

Der Krieg in Syrien verhalf al-Baghdadi zur Machtausdehnung. Der „Islamische Staat im Irak“ hatte die Al-Nusra-Front mitbegründet, deren Ziel vor allem de Sturz der syrischen Regierung war und ist. Im Jahre 2013 erklärte al-Baghdadi, dass der „Islamische Staat im Irak“ und die Al-Nusra-Front zukünftig unter dem Namen „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) firmieren würden.

911-360x270Diese Vereinnahmung der Al-Nusra-Front wollten Teile der Nusra-Front-Führung nicht hinnehmen, wodurch es zu einer Spaltung kam. Wegen der militärischen ISIL-Erfolge, deren Durchschlagskraft und guter Ausrüstung bekam ISIL immer mehr Zulauf, wodurch im östlichen und nördlichen Teil Syriens große Gebiete unter ISIL-Kontrolle kamen, einschließlich der Provinzhauptstadt Raqqa.

Jihad-John-Executes-Syrian-OfficersAl-Baghdadi vermied bis Mitte 2014 militärische Kämpfe gegen die syrische Armee, sondern ging gegen Rebellen vor. Im Juni 2014 eroberten ISIL-Truppen Mosul – wodurch al-Baghdadi und dessen Führungskader riesige Mengen an Rüstungsgütern – Panzer, Geschütze, gepanzerte Fahrzeuge – in die Hände fielen, die zuvor die US-Regierung an die irakische Armee geliefert hatte. Nach der Eroberung Mosuls änderte al-Baghdadi erneut den Namen: aus ISIL wurde IS – der „Islamische Staat“ – und er selbst erklärte sich zum Nachfolger (Khalifa) des Propheten Mohammed: Zum neuen Kalifen des IS. Gegen diesen Anspruch protestieren zahlreiche sunnitische Rechtsgelehrte, darunter auch die für die gesamte islamische Welt äußert bedeutsame Azhar-Universität in Kairo. (Perthes, S. 92-98).

2. Ideologie

Als der IS noch den Vorläufernamen „ISIL“ bzw. „ISIS“ trug, stand diese Abkürzung für „Islamischer Staat im Irak und in Scham“  – wobei „Scham“ sowohl mit „Großsyrien“ als auch mit „Damaskus“ und „Levante“ übersetzt werden kann. „Scham“ umfasst für gläubige Muslime die Gebiete Syrien, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien.oil_v

Jerusalem ist wegen des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee sowie der Himmelfahrt des Propheten Mohammed der drittwichtigste Ort nach Mekka und Medina. Damaskus war während der Zeit der Omajjaden-Dynastie (661-750), deren islamisches Herrschaftsgebiet über die arabische Halbinsel, Nordafrika, Spanien bis an die Pyrenäen und im Osten bis nach Indien reichte, die Hauptstadt dieses größten Kalifats der gesamten Geschichte.

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The Washington Post, 17. Januar 2015

Sunniten wie Schiiten glauben, dass es in „Scham“ zu einem heilsgeschichtlichen Endkampf, einem „Armageddon“ kommt. Sie stützen sich dabei auf den Ausspruch des Propheten Mohammed: „Die letzte Stunde der Geschichte wird erst kommen, wenn die Römer entweder bei Al-A´maq oder bei Dabiq aufmarschieren (beide Orte liegen nordöstlich von Aleppo, direkt an der türkischen Grenze. Mit ‚Römer‘ ist Byzanz gemeint, Michael Lüders). Dann wird eine Armee aus Medina, eine Armee der besten den Volkes auf Erden, aufbrechen und sich ihnen stellen“ (Lüders, S. 88).

Nach der Überlieferung wird die muslimische Armee einer feindlichen Übermacht aus 42 Heeren entgegen treten und diese vernichtend schlagen. Schiiten glauben, dass erst nach dieser endgültigen Schlacht der Erlöser, der Mahdi, erscheinen wird, um die Gläubigen ins Paradies zu führen. „Radikale Sunniten deuten diesen Hadith (Ausspruch des Propheten Mohammed, Anm. von C.R.) als Versprechen eines endgültigen Siegs über die Ungläubigen, einschließlich der Schiiten.

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In den Straßen von Basrah/Irak (Foto R. Sczech 1979)

Die unterschiedliche Auslegung ist ein Grund dafür, warum den Schiiten der Dschihad gegen Nichtmuslime weitgehend fremd geblieben ist“, schreibt Michael Lüders (S. 89). „Dabiq“ heißt die eine Propaganda-Hochglanzbroschüre des IS, die in vielen Sprachen, darunter deutsch, im Internet angeboten wird und auf den zitierten Ausspruch des Propheten Bezug nimmt. IS-Kämpfer sehen sich selbst als die prophezeite „Armee aus Medina“. Michael Lüders zieht als Fazit: „Man sollte die Wirkungsmacht solcher Heilsversprechen unter emotional aufgeladenen Gläubigen, besonders im Umfeld von Krieg und Gewalt, nicht unterschätzen“ (S. 89).

Die Ausrufung des IS-Kalifats erfolgte am 29. Juni 2014, dem ersten Tag des Fastenmonats Ramadan. Michael Lüders zitiert den Islamwissenschaftler Stephan Rosiny, der die erste Freitagspredigt von al-Baghdadi am 4. Juli 2014 in Mosul analysiert hat: „Wegen seiner im ‚Dschihad‘ erlangten Kriegswunde erklomm ‚Kalif Ibrahim‘ nur humpelnden Schrittes die Kanzel. (…) Er war mir schwarzem Turban und Umhang gekleidet, wie sie auch Mohammed bei der Rückeroberung Mekkas im Jahr 630 getragen haben soll“. Lüders folgert: „Deswegen auch die schwarze Fahne des ‚Islamischen Staates‘ und die häufig schwarze Kleidung seiner Kämpfer, die ebenfalls auf dies Rückeroberung anspielen. Mehr noch, schwarze Uniformen und Flaggen gehörten zur höfischen Etikette der Abbasiden im achten Jahrhundert und erinnern so an das goldene Zeitalter des Islam“ (Lüders, S. 92).

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Ausgesprochen freundlich grüßten Kinder am Schatt el-Arab  (Foto R. Sczech, 1979)

Der neue Kalif versprach in seiner ersten Predigt, die „Würde, Macht, Rechte und Führerschaft der Vergangenheit zurückzugeben“ (L. Napoleoni, S. 15). Der „Islamische Staat“ unter dem Kalifen al-Baghdadi sieht sich in der Tradition sowohl des Omajjaden-Weltreiches mit der Hauptstadt Damaskus als auch in der Tradition des nachfolgenden Abbasiden-Weltreiches mit der Hauptstadt Bagdad – und damit als Hüter des Erbes von Mohammed und des wahren islamischen Glaubens. Dies ist auch der Grund, warum der selbst ernannte Kalif al-Baghdadi alle muslimischen Gläubigen weltweit dazu aufgerufen hat, in den „Islamischen Staat“ zu kommen, der seiner Ansicht nach das neue globale spirituell-geistige Zentrum des Islam darstellt: „Wer kann, soll in den Islamischen Staat einwandern, denn die Übersiedlung ins Haus des Islam ist eine Pflicht“, so al-Baghdadi bei der Ausrufung des Kalifats (Napoleoni, S. 96) – und ergänzte: „Eilt, o ihr Muslime in euren Staat. (…) Dies ist mein Rat an euch: Wenn ihr an ihm festhaltet, werdet ihr Rom und die Welt erobern, so Allah es will“ (Napoleoni, S. 98). Der IS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani lässt an Deutlichkeit des IS-Machtanspruchs nicht zu wünschen übrig: „Mit der Ausdehnung des Herrschaftsgebiets des Kalifen und der Ankunft seiner Truppen wird die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen hinfällig“ (L. Napoleoni, S. 14).

3. Aufbau und Strukturen

Kalif al-Baghdadi hat den IS in Regierungsbezirke aufgeteilt, die wiederum in Provinzen gegliedert sind. Reichere Bezirke zahlen an ärmere eine Art „Länderfinanzausgleich“. Der Kalif hat alle relevanten Berufsgruppen in Syrien und Irak persönlich aufgerufen, am Aufbau des neuen Staatswesens tatkräftig mitzuhelfen.  Schulen und Universitäten sind im IS, auf dessen Gebiet rund sechs Millionen Menschen leben, geöffnet.

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Die Ölfelder des „Islamischen Staates“ sind groß – aber nicht so groß wie angenommen. (Foto: SZ-Grafik, SZ-Recherche)

Es gilt die Wehrpflicht, der neue Staat erhebt Steuern und Abgaben. Davon werden u.a. auch Suppenküchen für Arme sowie Renten für Witwen getöteter IS-Kämpfer finanziert. Mitarbeiter des IS kümmern sich um Stromversorgung und Müllabfuhr, anders als al-Qaida oder andere Terrororganisationen legt der IS großen Wert auf den Aufbau tragfähiger Strukturen eines Staates.

Größere finanzielle Zuwendungen erhält der IS aus den reichen Golfstaaten. Der Verkauf von Erdöl – sowohl an die Türkei wie auch die syrische Regierung (L. Napoleoni, S.52)  – bringt Deviseneinnahmen in Höhe von zwei Millionen US-Dollar pro Tag (Wall Street Journal, 16.4.2014).

Weitere Einnahmequellen sind Schmuggelgeschäfte, Schutzgelderpressungen und Lösegeldzahlungen für die Freilassung von Geiseln. Während viele Regierungen Lösegeld an den IS für ihre jeweiligen Staatsangehörigen zahlen, weigern sich die US-amerikanische und britische Regierung, dies zu tun.

Nach der Eroberung von Mosul im Sommer 2014 beschlagnahmte der IS von der Zentralbank Gelder in Höhe von 425 Millionen US-Dollar, die sowohl für militärische Zwecke wie auch für eine „Kampagne, die Herzen und die Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen“ (Napoleoni, S. 58) verwendet werden. Die Zahl der Kämpfer wird nach unterschiedlichen Quellen auf 25.000 bis mehr als 50.000 Mann geschätzt, ebenso viele Zivilisten sollen im Dienst des IS als Verwaltungsmitarbeiter beschäftigt sein. Kämpfer erhalten einen Monatslohn zwischen 200 und 600 US-Dollar, Verwaltungsangestellte rund 300 US-Dollar, Abteilungsleiter bis zu 2000 US-Dollar, schreibt Michael Lüders (S. 96).kampf_der_religioten_2389185

Loretta Napoleoni dagegen verweist auf Quellen, die von einem niedrigeren Sold ausgehen: „Freigegebene Dokumente des US-Außenministeriums zeigen, dass während einer bestimmten Aufzeichnungsperiode ‚der durchschnittliche Soldat des Islamischen Staates einen Grundlohn von gerade mal 41 Dollar im Monat verdiente, viel weniger als ein irakischer Arbeiter wie beispielsweise ein Maurer, der monatlich 150 Dollar verdient“ (L.Napoleoni, S. 55). Der Kalif hat zwei Stellvertreter, von denen je einer für Irak und für Syrien zuständig ist.

In einem „Führungsrat“ berät eine kleine Gruppe von Vertrauten des Kalifen die Politik des IS. In einem „Kabinett“ sitzen Manager und Technokraten, die sich um Sicherheit, Finanzen, Medienarbeit, Rekrutierung und andere Aufgaben eines Staates kümmern. Auf lokalen Ebenen sind im IS „regionale Räte“ eingerichtet, die mit zivilen und militärischen Aufgaben betraut sind und als Ansprechpersonen für die jeweilige lokale Bevölkerung dienen. In diesen Räten sollen auch zahlreiche ehemalige Offiziere der aufgelösten irakischen Armee unter Saddam Hussein beschäftigt sein.

Eine Religionspolizei achtet auf die Einhaltung der Scharia. In einem offiziellen Dokument mit dem Titel „Bekanntmachung Nummer 006“ des IS vom 18. April 2014 steht zu lesen: „Die folgenden Fakultäten und Abteilungen, die sich gegen die Scharia richten, werden geschlossen und abgeschafft:

  • Fakultät für Jura, Politikwissenschaft und Kunst.
  • Archäologie, Sporterziehung und Philosophie.
  • Tourismus und Hotelmanagment.
  • Abgeschafft werden ebenso alle Lehrinhalte, die gegen die Scharia sind:
  • Demokratie, Kultur, Freiheit und Rechte.
  • Romane und Theaterstücke in den Sprachen Englisch und Französisch und generell Übersetzungen.
Fanatismus einst und heute
Fanatismus einst und heute

Die folgenden Fragen werden nicht thematisiert: Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, Geschichte, Grenzziehung. Die Lehrkräfte sind gehalten, stets Folgendes zu beachten: Trennung von Männern und Frauen gemäß Scharia. (…) Diese Bekanntmachung ist ein Befehl. Er ist verpflichtend. Zuwiderhandlungen werden bestraft. Allahs Befehle führen zum Sieg, aber vielen Menschen ist das nicht bewusst. Gott sei gepriesen“ (Lüders, S. 97).

Die Brutalität, mit der IS-Gerichte vorgehen, ist vielfach belegt: „In der syrischen Stadt Manbidsch beispielsweise hackten IS-Vertreter vier Dieben die Hände ab (…), peitschten Menschen wegen Beleidigung ihrer Nachbarn aus, konfiszierten und vernichteten gefälschte Medikamente und exekutierten und kreuzigten mehrere Personen wegen Glaubensabfall und Mord“ (Napoleoni, S. 68).

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Ein Soldat der irakischen Armee führt durch Ur, eine der ältesten sumerischen Stadtgründungen und altes Zentrum in Mesopotamien (Foto R. Sczech, 1979)

Eine Grundlage für den Machtzuwachs al-Baghdadis liegt auch in seinem politischen Pragmatismus. Als im irakischen Falludscha sich die dortigen Stämme weigerten, „die ISIS-Fahnen aufzuhängen, wies er seine Kämpfer an, auf das Hissen der Flagge zu verzichten und statt dessen die Kooperation der Kämpfer bewaffneter Gruppen sowie der Clans und Gläubigen zu suchen“ (L. Napoleoni, S. 53).

4. IS – Produkt verfehlter westlicher Interventionspolitik

Zum Thema „Afghanistan“ zitiert Michael Lüders aus einem Interview der französischen Zeitschrift „Le Nouvel Observateur“ vom Januar 1998 mit Zbigniew Brezinski, ehemaliger nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter:

kari_usa_false_flagFrage: „Als die Sowjets ihre Intervention mit der Absicht begründeten, dass sie das geheime Engagement der USA in Afghanistan bekämpfen wollten, hat ihnen niemand geglaubt. Dennoch war die Behauptung nicht ganz falsch.

Bereuen Sie heute nichts“?

Antwort: „Was denn bereuen? Die geheime Operation war eine ausgezeichnete Idee. Das Ergebnis war, dass die Russen in die afghanische Falle gelaufen sind, und Sie verlangen von mir, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten hatten, schrieb ich Präsident Carter: Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu verpassen. Und tatsächlich, fast zehn Jahre lang war Moskau gezwungen, einen Krieg zu führen, der die Möglichkeiten der Regierung bei Weitem überstieg. Das wiederum bewirkte eine allgemeine Demoralisierung und schließlich den Zusammenbruch des Sowjetreiches“.

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Sechs Wochen nach Kriegsbeginn ließ sich Bush als Sieger feiern

Frage: „Und Sie bereuen nicht, den islamischen Fundamentalismus unterstützt zu haben, in dem Sie künftige Terroristen mit Waffen und Knowhow versorgten“?

Antwort: „Was ist für die Weltgeschichte von größerer Bedeutung? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetreiches? Einige fanatisierte Muslime oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“ (S. 24-26).

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Zbigniew Brzezinski’s

Michael Lüders zeigt die aktuelle Fortsetzung dieser Politik mit einem Zitat aus der „New York Times“ vom 24.3.2013 auf: „Mit Hilfe der CIA haben arabische Regierungen und die Türkei ihre militärische Unterstützung für oppositionelle Kämpfer in Syrien erheblich ausgeweitet“ (S. 76).

Auf S. 103 lässt der Autor den ehemaligen CIA-Mitarbeiter Graham Fuller zu Wort kommen: „Die USA hatten nicht die Absicht, den Islamischen Staat zu erschaffen. Aber deren zerstörerische Interventionen im Nahen Osten und der Krieg im Irak waren die beiden entscheidenden Geburtshelfer des IS“.

Lüders fährt fort: „Dessen militärische Führung besteht wesentlich aus der alten Saddam-Generalität, die vor allem mit Amerikanern und Briten noch eine Rechnung offen hat. Ihr Ansinnen ist schlicht, aber offenbar nicht schlicht genug, um nicht doch möglicherweise den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie will Amerikaner und Europäer zu einer Bodenoffensive verleiten. Wohl wissend, dass diese einen solchen Krieg nicht gewinnen könnten – siehe Afghanistan, siehe Irak in den Jahren der Besatzung – und sich auf politischen Treibsand begeben würden.

Das erklärt die provokanten Enthauptungen britischer und amerikanischer Geiseln, die größte Empörung auslösten und den innenpolitischen Druck besonders auf Präsident Obama verstärkten, endlich ‚etwas zu tun‘. Vorstellbar auch, dass der IS durch Terroranschläge in Europa eine westliche Intervention mit Bodentruppen zu provozieren sucht. Für den ‚Islamischen Staat‘ wäre sie eine willkommene Gelegenheit. ‚Kalif Ibrahim‘ würde sich als moderner Saladin inszenieren, der den Kreuzfahrern die Stirn bietet, er würde zum globalen Dschihad gegen die Ungläubigen aufrufen.

Eine riskante Strategie, denn der IS würde ebenfalls einen hohen Preis bezahlen – doch nicht besiegt werden zu können ist für eine Guerillaarmee bereits der halbe Sieg. Nicht zuletzt mit Blick auf die Emotionen, die eine weitere großangelegte Militärintervention in einem islamischen Land unter Muslimen weltweit auslösen würde“ (S. 103).

Während der Abfassung dieses Artikels wurden am 13. November 2015 in Paris Terroranschläge ausgeführt, zu denen sich mutmaßlich der IS bekannt hat: „In dem noch nicht verifizierten Bekennerschreiben steht, ‚Soldaten des Kalifats‘ hätten ‚die Hauptstadt der Abscheulichkeit und Perversion‘ angegriffen. Die Schauplätze der Anschläge seien gezielt ausgewählt worden: das Stade de France, weil Frankreichs Präsident Hollande sich dort aufgehalten habe; die Konzerthalle Bataclan, weil ‚Götzendiener‘ dort gefeiert hätten – tatsächlich spielte dort eine Popband. In dem Schreiben wurden weitere Angriffe gegen Staaten angedroht, die sich wie Frankreich an der Militärkoalition gegen den IS beteiligen“(1). Diese Anschläge werden vermutlich Folgen weit über das Jahr 2015 hinaus haben.

IS_bekämpfenJürgen Todenhöfer plädiert für folgende Anti-IS-Strategie:

  1. Fairness gegenüber der muslimischen Welt statt Krieg und Ausbeutung.
  2. Respekt gegenüber unseren muslimischen Mitbürgern statt Diskriminierung.
  3. Enttarnung des IS als anti-islamische Mörderbande, für die der Islam nur Maske ist.
  4. Unterstützung der Wieder-Eingliederung der diskriminierten Sunniten ins politische Leben des Irak.
  5. Bekämpfung der weitgehend unbehinderten Rekrutierungs-Maßnahmen des IS.

Dem Fazit Jürgen Todenhöfers ist wenig hinzuzufügen: „Ignoranz, Inkompetenz und rassistischer Dünkel gegenüber Muslimen führen uns immer tiefer in den Sumpf des Terrors hinein. Das Problem beginnt unlösbar zu werden. Selbst das haben unsere Anti-Terrorkrieger noch nicht bemerkt“ (2).

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Anmerkungen:
(1) http://www.sueddeutsche.de/politik/terror-in-paris-was-wir-ueber-die-spur-zum-islamischen-staat-wissen-1.2737396
(2) http://www.ksta.de/politik/is-todenhoefer-irak-sote,15187246,31246632,item,3.html

Verwendete Literatur:
1. Michael Lüders, Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet,  München 2015.
2. Volker Perthes, Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen, Berlin 2015.
3. Loretta Napoleoni, Die Rückkehr des Kalifats. Der Islamische Staat und die Neuordnung des Nahen Ostens, Zürich, 2015 
(Hinweis von C. Ronnefeldt: In diesem Buch stellt die Autorin immer wieder m.E. problematische Vergleiche an, weshalb 
ich die Lektüre nur eingeschränkt empfehlen möchte).
4. Jürgen Todenhöfer, Inside IS – 10 Tage im "Islamischen Staat", München 2015.

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Clemens Ronnefeldt ist seit 1992 Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes

Syrisches Elend: Ursachen

Klimawandel, Dürre, Bush, IS, Assad, Bürgerkrieg

Den Irakkrieg von Georg W. Bush, IS und Assad, diese Ursachen des Elends sind mittlerweile weitläufig bekannt. Wie die Erderwärmung politische Konflikte befeuert, erklärt Klimaforscher Stefan Rahmstorf im Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Syrien wurde in den Jahren 2007 bis 2010 von der schlimmsten Dürre in der mehr als 100-jährigen Geschichte der dortigen Wetteraufzeichnungen heimgesucht. Die Folgen: Ernteausfälle, verendetes Vieh, Armut. Wohlhabende Staaten kämen mit einer Dürre zurecht, so der Experte.

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Veränderungen der Niederschläge im Mittelmeerraum. „Climate scientists have been warning for over a decade that global warming is going to produce environmental stresses and severe weather patterns that will have devastating impacts on countries that are none too stable to begin with.“

Professor Rahmstorf, der Bürgerkrieg in Syrien eskaliert und erzeugt immer mehr Flüchtlinge. Der Konflikt begann jedoch schon vor vier Jahren, nach einer schweren Dürreperiode im Land. Haben Dürre und Gewalt etwas miteinander zu tun?
Der Ausbruch von Unruhen und Gewalt hat natürlich immer eine ganze Reihe von Ursachen, darunter vor allem politische und gesellschaftliche Voraussetzungen. Eine wohlhabende, stabile Demokratie wie die USA kommt auch mit einer Dürre zurecht. Leider gibt es auf der Erde aber auch viele verletzliche und schwache Staaten, wo Naturkatastrophen oder Ernteausfälle durchaus ein Auslöser für Instabilität sein können – insbesondere wenn die Regierung bei der Bewältigung der Situation versagt oder überfordert ist. Ein 2013 in der Fachzeitschrift Science publizierter Überblick über 60 einzelne Studien zeigte, dass Abweichungen von normalen Niederschlägen und erhöhte Temperaturen systematisch die Gefahr von Konflikten erhöhen.

Gibt es konkrete Hinweise zu Syrien?
Eine weitere Studie hat belegt, dass zahlreiche gewaltsame Proteste in Nordafrika und dem mittleren Osten in den Jahren 2008 und 2011 gerade mit den beiden großen Spitzen der Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt zusammenfallen. Auch die Weltbank findet in einem Report aus dem letzten Jahr einen Zusammenhang des „arabischen Frühlings“ mit den durch Missernten bedingt hohen Nahrungsmittelpreisen plausibel, wenn auch kaum beweisbar. Was die Lage in Syrien angeht: Fakt ist, dass das Land in den Jahren 2007 bis 2010 von der schlimmsten Dürre in der mehr als 100-jährigen Geschichte der dortigen Wetteraufzeichnungen heimgesucht wurde. Ernten blieben aus, sehr viel Vieh verendete.

Was genau geschah in Syrien als Folge davon?
Rund anderthalb Millionen Menschen flohen aus Not aus den ländlichen Gebieten Syriens und suchten Zuflucht in der Peripherie großer Städte wie Homs und Aleppo. Dort gab es Arbeitslosigkeit, Überfüllung, unzureichende Infrastruktur und Kriminalität, und daher eine massive Unzufriedenheit. Dort lag dann auch die Keimzelle der syrischen Revolte – die aber, das muss noch mal betont werden, natürlich eine ganze Reihe von Gründen hatte.

Welche Schuld trägt das Assad-Regime an der Eskalation?
Die Eskalation war im Wesentlichen sicher eine politische. Aber schon im Vorfeld der Dürre gab es Fehler. Eine dieses Jahr in den renommierten Proceedings of the National Academy of Sciences der USA erschienene Studie sieht einen wichtigen Grund für den massiven Einbruch der Landwirtschaft in einer verfehlten, nicht nachhaltigen Agrarpolitik: wie Satellitendaten zeigen wurden die Grundwasservorräte übernutzt, was Syrien dann sehr anfällig in der Dürre machte. Der Fluss Chabur, ein Zufluss des Euphrat, trocknete aus. Später versagte das Regime dann dabei, den von der Dürre betroffenen Menschen zu helfen.

Die globale Erwärmung führt nach Voraussagen des UN-Klimarats IPCC verstärkt zu Dürren und Missernten. Könnten dadurch weitere „Syriens“ entstehen?
Die schon genannte Studie zeigt, dass bereits die schwere syrische Dürre wahrscheinlich eine Folge der globalen Erwärmung war. Da die Dürren weiter zunehmen werden und es in absehbarer Zeit auch weiterhin fragile Staaten geben wird, dürfte durch die globale Erwärmung die Zahl der Flüchtlinge in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Der Klimawandel ist hier ein zusätzlicher Faktor, aber natürlich haben Flüchtlingsströme immer mehrere Auslöser.

Café-intern@tional in Büchenbeuren/Hunsrück

Seit über einem halben Jahr gibt es in Büchenbeuren eine Anlaufstelle für Flüchtlinge: das Café International. Im Dorf leben ca. 150 Flüchtlinge, viele unter 27 Jahren alt. Insgesamt leben in dieser Hunsrücker Region ca. 400 Flüchtlinge.

CafeInternational_BuechenbeurenBernd Mauerhof vom Hunsrücker Treff-Mobil:
„Wir engagieren uns in der Arbeit des Cafés und hier vor allem in der Arbeit mit den Jugendlichen. Erklärtes Ziel für die Nachhaltigkeitssicherung ist das Entstehen von Freundschaften und das gegenseitige sich Weiterhelfen in Sprache, Schule oder Wohnungssuche. Ermöglicht werden sollen auch Patenschaften.
Allen, die im Café tätig sind, ist an einer möglichst raschen Integration der Flüchtlinge gelegen; wir unterstützen sie durch notwendige Beratung in der Ankunftsphase, aber auch bei der Wohnraumsuche und auch bei Überwindung ihrer vielen freien Zeit. Wichtig ist der Erwerb der deutschen Sprache.“

„Junge Heimat“

Die Sczech-Stiftung unterstützt die Umsetzung der Idee eines Theaterprojektes. Jugendliche Flüchtlinge, junge hier lebende Migranten und junge Einheimische entwickeln gemeinsam ein Theaterstück. Ein profilierter Regisseur für das Projekt ist bereits gefunden: Horst „Hotte“ Schneider aus Simmern.
Der Start soll im März sein. Das Projekt soll an 3 Wochenenden (jeweils freitags bis sonntags) stattfinden.

 

Ziele des Projektes:

  • Verbesserung der Kommunikation zwischen jungen Flüchtlingen (Somalia, Eritrea, Syrien u.a.), jungen musisch ambitionierten Mitgliedern in hiesigen dörflichen Theatergruppen und jungen Migranten.
  • In 3 Wochenend-Workshops á jeweils 15 TeilnehmerInnen werden Personen aus den genannten Gruppen zusammengeführt, Fähigkeiten ausgelotet und das Kennenlernen gefördert.
  • Bei entsprechenden Übungen gegenseitiges Kennenlernen, Theatertechniken lernen und musische Spezialitäten der verschiedenen Kulturen miteinander verbinden.
  • Ideensammlung für kleine Aufführungen.
  • Im working process werden Bausteine für Aufführungen mit den TeilneherInnen erarbeitet
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Innovativ ist, dass erstmals junge Einheimische mit jungen Flüchtlingen und jungen Migranten zusammengebracht werden. Innovativ auch die Kombination aus Bewegung, Action, Musik und vielleicht auch Sprache.

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Café International Büchenbeuren syrisch-kulinarischer Abend am 19.1.2015

 

Flüchtlinge in dem Hunsrückdorf Buch willkommen

Die Tagesschau berichtet am 6. November 2014 über die Unterbringeung von Flüchtlingen. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres beantragten in Deutschland mehr als 130.000 Menschen Asyl. Viele Kommunen sind überfordert und bringen Flüchtlinge in Zelten und Container unter. Vorbildlich wie die Dorfgemeinschaft im Hunsrück die geschundenen Menschen aufnimmt.