Technologie

Die digitale Rache des Südens: Wie KI-Hassfabriken den Westen zerlegen

27. September 2026

KI-generiertes Standbild einer angeblichen Straßenumfrage bei einer Anti-Migrations-Demonstration in London
Diese Frau existiert nicht. Das Standbild stammt aus einem KI-generierten „Straßeninterview“, wie es millionenfach in britischen und amerikanischen Feeds läuft. Quelle: Christophe, „How to rage bait Americans“.

Während wir über Zuwanderung streiten, verdienen Menschen Tausende Kilometer entfernt genau damit ihren Lebensunterhalt – und nutzen unsere Wut als Einkommen.

Der Fund Die Mathematik Die Akademien Der Algorithmus Der Kreislauf Die Ironie Das Video Was tun?

Eine Frau im Leopardenkleid, die es nie gab

Sie steht mitten in einer Menschenmenge, Union Jacks im Hintergrund, Schilder mit „Stop the boats“ und „Protect our borders“. Ein Mikrofon wird ihr hingehalten. Sie ist wütend, sie ist blond, sie ist perfekt ausgeleuchtet – und sie hat nie existiert. Weder die Frau noch die Demonstration noch der Reporter. Das Ganze ist ein paar Cent Rechenzeit wert und wurde vermutlich in weniger als zehn Minuten erzeugt.

Solche Clips laufen zu Hunderttausenden. Und wer bei Facebook auf die Schaltfläche Seitentransparenz klickt – jene unscheinbare Zeile, die verrät, von wo aus eine Seite verwaltet wird –, findet bei der Seite „I love UK“ nicht London, nicht Manchester, nicht Birmingham. Sondern: Sri Lanka.

Genau an dieser Stelle setzt das Video „How to rage bait Americans“ des Rechercheurs Christophe an. Es ist keine Verschwörungserzählung über fremde Geheimdienste. Es ist etwas Unangenehmeres: die Rekonstruktion eines ganz normalen Geschäftsmodells.

Was die Rechercheure gefunden haben

Das Video steht nicht allein. Im November 2025 veröffentlichten das Institute for Strategic Dialogue (ISD) und The Bureau of Investigative Journalism eine gemeinsame Untersuchung unter dem Titel Hate for Profit. Was sie beschreiben, hat eine Größenordnung, die man sich schwer vorstellt:

Ein halbes Jahr später, im Mai 2026, legte das Bureau nach: Die Branche boomt. Ein pakistanischer Creator verdient nach eigenen Angaben rund 1.500 US-Dollar im Monat – mit einer einzigen Seite. Der Sri-Lanker Geeth Sooriyapura, den die Reporterin Niamh McIntyre als eine Art Branchenstar porträtierte, beziffert seine Facebook-Einnahmen auf insgesamt 300.000 US-Dollar. In einem Land, in dem ein durchschnittliches Monatseinkommen im niedrigen dreistelligen Dollarbereich liegt.

Und niemand von ihnen hat ein Interesse an britischer Innenpolitik.

Es ist keine Ideologie. Es ist einfache Mathematik.

Um zu verstehen, warum ausgerechnet unsere Reizthemen bedient werden, muss man eine einzige Kennzahl kennen: den Preis einer Anzeige. Werbetreibende zahlen dafür, tausend Mal gesehen zu werden – der sogenannte CPM. Was davon beim Seitenbetreiber ankommt, heißt RPM. Beides hängt fast ausschließlich davon ab, wie kaufkräftig das Publikum ist.

Werbeeinnahmen pro 1.000 Aufrufe im Vergleich Südasiatisches Publikum bringt etwa 0,40 US-Dollar pro 1.000 Aufrufe, westliches Publikum 6 bis über 30 US-Dollar. Werbeeinnahmen pro 1.000 Aufrufe (RPM) Größenordnungen nach Angaben aus der Recherche – US-Dollar 0 $ 10 $ 20 $ 30 $ Pakistan, Sri Lanka lokales Publikum ≈ 0,40 $ USA, UK, Australien westliches Publikum 6 $ bis über 30 $ Spanne je nach Land und Thema „Es ist keine Ideologie. Es ist einfache Mathematik.“ Der Faktor zwischen beiden Balken liegt zwischen 15 und 75.
Derselbe Aufwand, dasselbe Werkzeug – nur ein anderes Zielpublikum. Wer aus Colombo oder Lahore über britische Migrationspolitik postet statt über das eigene Land, vervielfacht seine Einnahmen.

Das ist der ganze Trick. Ein Creator in Südasien, der Inhalte für sein eigenes Publikum produziert, verdient damit kaum genug zum Leben. Derselbe Creator, der britische oder amerikanische Reizthemen bedient, landet plötzlich im zweistelligen Dollarbereich pro tausend Aufrufe. Nicht, weil er den Westen hasst – sondern weil dort die Werbebudgets liegen.

Die Akademien: Hass als Unterrichtsfach

Wo ein Markt ist, entsteht eine Ausbildung. Genau das ist der verstörendste Teil der Recherche: In Sri Lanka und Pakistan sind regelrechte Online-Akademien entstanden, die beibringen, wie das Geschäft funktioniert. Die ISD-Rechercheure fanden Trainingsvideos, in denen Seiten aus genau jenem Netzwerk als Musterbeispiele vorgeführt wurden.

Unterrichtet wird nicht Politik, sondern Handwerk:

Einer der bekanntesten Tutorial-Anbieter, Kashif Majid, hat über zwei Millionen Abonnenten. Es gibt Kursgebühren, Erfolgsgeschichten, Vorher-Nachher-Screenshots von Auszahlungen. Was hier gelehrt wird, ist für die Teilnehmer schlicht: ein Job.

Die Ersteller im Globalen Süden handeln indifferent gegenüber den politischen Konsequenzen. Der Wohlstand des einen basiert auf der psychologischen Zersetzung des anderen – und keiner der Beteiligten empfindet das als seine Angelegenheit.

Der Algorithmus als Auftraggeber

Bleibt die Frage, warum ausgerechnet Wut so gut bezahlt wird. Die Antwort liefert ein Mann, der es wissen muss: Jeff Allen, früher Data Scientist bei Facebook, heute Mitgründer des Integrity Institute. Seine Arbeiten beschreiben, was intern längst bekannt ist – die Empfehlungssysteme sind auf maximales Engagement optimiert, und Engagement heißt nicht Zustimmung, sondern Reaktion.

In der Branche kursiert dafür ein Begriff, der auf eine interne Grafik von Mark Zuckerberg zurückgeht: die „Zuck-Curve“. Sie beschreibt eine unangenehme Regelmäßigkeit: Je näher ein Inhalt an die Grenze des Erlaubten rückt, desto steiler steigt seine Interaktionsrate – bis kurz vor dem Verbot das Maximum erreicht ist. Wer also lernt, exakt bis zur Linie zu gehen und keinen Millimeter darüber, wird vom System belohnt.

Die Zahlen dazu sind deutlich: Beiträge von Quellen mit geringer Glaubwürdigkeit erzielen auf Facebook bis zu neun Mal mehr Interaktionen als Beiträge seriöser Quellen. Nicht, weil die Plattform Lügen bevorzugt – sondern weil Lügen sich keinen Sorgfaltsregeln unterwerfen müssen und deshalb immer die zugespitztere Version erzählen können.

2024 kam der letzte Baustein dazu: Facebook vereinfachte sein Monetarisierungsprogramm. Seither werden Seitenbetreiber direkt an den Werbeerlösen beteiligt, die ihre Likes, Shares und Kommentare erzeugen – für Videos, Bilder und Texte. Richtlinien gegen Hetze existieren. Ihre Durchsetzung, so die übereinstimmende Beobachtung der Rechercheure, bleibt weitgehend theoretisch.

Der Kreislauf

Die Wertschöpfungskette des Hasses Vier Stationen im Kreis: ökonomische Not im Globalen Süden, KI-gestützte Klick-Arbitrage, Metas Monetarisierung, gesellschaftliche Spaltung im Westen – die wieder neue Nachfrage erzeugt. 1 Ökonomischer Druck GLOBALER SÜDEN Hoher Einkommensbedarf, lokale Werbe- erlöse nahe null. Wer online Geld verdienen will, braucht ein Publikum, für das Werbetreibende zahlen – also ein westliches. 2 Klick-Arbitrage KI UND A/B-TEST Bildgeneratoren, Prompt-Vorlagen, Tutorials. Ohne Sprach- oder Landes- kenntnis wird getestet, welches Reizthema – Migration, Kriminalität, Kulturkampf – am schnellsten zündet. 3 Die Auszahlung PLATTFORM Der Algorithmus belohnt, was knapp vor der Verbotsgrenze liegt: bis zu 9× mehr Interaktionen. Seit 2024 zahlt Meta die Werbeanteile direkt an die Seiten- betreiber aus. 4 Der Bumerang WESTEN Die Empörung kommt in echten Feeds an, wird geteilt, zitiert, politisch verwertet – und erzeugt genau die Aufmerksamkeit, die den nächsten Durchlauf finanziert. ↻
Kein Akteur des Kreislaufs will die westliche Demokratie beschädigen. Der Schaden entsteht trotzdem – weil jeder Schritt für sich betrachtet rational ist.

Kanada: 340 Seiten, 95 Millionen Reaktionen

Sri Lanka ist kein Einzelfall, Großbritannien kein Sonderfall. Im Juni 2026 veröffentlichte das Centre for Media, Technology and Democracy der McGill University um den Politikwissenschaftler Aengus Bridgman eine Analyse mit dem Titel Facebook's News Slop Economy. Untersucht wurde ein überwiegend aus Vietnam betriebenes Netzwerk:

Die bitterste Pointe des Reports: Finanziert wird das Ganze unter anderem durch Werbebudgets kanadischer Behörden und Unternehmen, die über automatisierte Anzeigenbörsen auf diesen Seiten landen – ohne dass irgendjemand das je entschieden hätte.

Weltkarte: rot markiert sind USA, Kanada, Großbritannien und Australien als Zielmärkte, blau markiert sind unter anderem Nigeria, Indien, Vietnam, Indonesien und die Philippinen als Herkunftsländer
Rot: die zahlungskräftigen Zielmärkte. Blau: die Länder, aus denen die Inhalte kommen. Die Karte ist die kürzeste Zusammenfassung des Geschäftsmodells. Quelle: Christophe, „How to rage bait Americans“.

Die Ironie, die niemand geplant hat

Hier schließt sich ein Kreis, den man kaum erfinden könnte. Jahrhundertelang wurde der Globale Süden von Europa und Nordamerika ausgebeutet – Rohstoffe, Arbeitskraft, Handelsregeln. Der Wohlstand, der daraus entstand, ist heute genau das, was den westlichen Werbemarkt so lukrativ macht. Und nun greifen Menschen in Colombo, Lahore und Ho-Chi-Minh-Stadt zu den Werkzeugen der westlichen Tech-Konzerne, um an diesem Wohlstand teilzuhaben.

Sie liefern, was der Markt verlangt. Der Markt verlangt Empörung. Also liefern sie Empörung.

Man kann das eine digitale Rache nennen. Treffender ist: Es ist ein Bumerang. Der Westen hat die Algorithmen erfunden, die Monetarisierungsmodelle gebaut, die Preisunterschiede geschaffen – und bekommt nun zurückgeworfen, was er in Umlauf gebracht hat.

Bannons alter Traum, automatisiert

Steve Bannon, einst Chefstratege von Donald Trump, hat die Methode der modernen Rechten einmal so beschrieben: „The real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit.“ Man flutet den Informationsraum mit so viel Lärm, Widerspruch und Absurdität, dass Wahrheit ununterscheidbar wird und die Leute aufgeben.

Zu Bannons Zeiten brauchte man dafür noch Trollfabriken mit Personal, Miete und Gehaltslisten – die berüchtigte Internet Research Agency in St. Petersburg etwa. Heute erledigt das ein globaler Markt, der sich selbst organisiert, selbst finanziert und selbst optimiert. Niemand muss die Destabilisierung mehr bezahlen. Sie ist zum Nebenprodukt eines Geschäftsmodells geworden.

Die Creator aus dem Globalen Süden sind keine ideologischen Kämpfer gegen den Westen, sondern die billigen Arbeitskräfte einer globalen Aufregungsökonomie. Sie fluten die Zone, nicht um den Westen zu stürzen, sondern weil der Westen sie dafür bezahlt.

Profitieren tun am Ende drei Gruppen: die Plattformen, die Engagement in Anzeigenerlöse verwandeln. Die Creator, die davon leben. Und die populistischen Kräfte im Westen, deren Kernthemen rund um die Uhr, kostenlos und in beliebiger Menge in den Feeds ihrer potenziellen Wähler gehalten werden – von Leuten, die sie nie treffen werden.


Das Video

Christophes Recherche dauert 21 Minuten und ist die beste Einführung in das Thema, die wir kennen: mit Screenshots aus den Transparenz-Tabs, Gesprächen mit Tutorial-Anbietern und Einordnungen der beteiligten Forscher.

Christophe: „How to rage bait Americans“, 21:02 Minuten, englisch. Direkt auf YouTube ansehen

Titelbild des Videos: der Host vor einer Wand aus KI-generierten Protestbildern
Die Wand hinter dem Host besteht vollständig aus KI-Bildern derselben Bauart: wütende Passantin, Mikrofon, Protestschild, Union Jack.

Was die Zuschauer daraus machen

Spannend ist, was in den Diskussionen zum Video passiert. Die häufigste erste Reaktion ist Verständnis: Das seien doch ganz normale Leute in armen Ländern, die ihre Familien ernähren müssten. Die zweite Reaktion folgt auf dem Fuß – und ist härter: Verständnis ändert nichts daran, dass hier Benzin ins Feuer gegossen wird.

Den Satz, der das Ganze auf den Punkt bringt, schrieb ein Nutzer im Forum Tildes:

„Their side hustle is toppling western governments – the internet really is the great equalizer.“
– Kommentar zum Video, tildes.net

Ein Nebenverdienst, der Regierungen ins Wanken bringt. Das Internet als der große Gleichmacher – gesagt mit jener Bitterkeit, die entsteht, wenn ein Scherz zu genau stimmt.

Was hilft – und was nicht

1. Faktenchecks allein sind ein Kampf gegen Windmühlen. Solange die Auszahlung an der Interaktion hängt, entstehen für jeden gelöschten Beitrag zehn neue. Der Hebel liegt nicht beim einzelnen Inhalt, sondern bei den Anreizen: Monetarisierungsregeln, Empfehlungssysteme, Auszahlungspraxis. Adressat ist Meta, nicht der Creator in Colombo.

2. Digitale Mündigkeit heißt: die Herkunft prüfen, nicht nur den Inhalt. Die Schaltfläche „Seitentransparenz“ gibt es bei jeder Facebook-Seite. Sie braucht drei Sekunden und beantwortet die wichtigste Frage zuerst: Wer spricht hier eigentlich? Wenn eine Seite namens „I love UK“ aus Sri Lanka verwaltet wird, ist der Rest schnell erzählt. Und bei perfekt ausgeleuchteten Straßeninterviews mit wütenden Passanten lohnt der zweite Blick auf Hände, Schilder und Schrift – dort scheitert die KI noch immer am zuverlässigsten.

3. Regulierung muss durchgesetzt werden, nicht nur beschlossen. Europa hat mit dem Digital Services Act ein Instrument, das Plattformen zu Risikobewertung und Transparenz verpflichtet. Geschrieben ist es. Angewandt wird es bislang zaghaft. Wenn ein Netzwerk aus 128 Seiten 45 Millionen Aufrufe mit KI-Hetze erzielen kann, ohne dass die Auszahlung stoppt, ist das kein Erkenntnisproblem. Es ist ein Vollzugsproblem.

Und vielleicht noch ein Vierter, unbequemer Punkt: Die Inhalte funktionieren nur, weil sie auf etwas treffen, das schon da ist. Kein Prompt der Welt erzeugt Wut aus dem Nichts. Er findet sie – und verstärkt sie gegen Bezahlung. Wer das ändern will, kommt an der Frage nicht vorbei, warum unsere Gesellschaften so zuverlässig an derselben Stelle zünden.


Quellen

Die Angaben zu den Werbeerlösen in der Grafik sind Größenordnungen aus der Recherche, keine amtlichen Statistiken. Die Beträge schwanken je nach Thema, Format und Jahreszeit erheblich.

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