Von Ostpreußen beherrschen vor allem zwei Bilder das kollektive Gedächtnis. Das eine zeigt eine verklärte Landschaft: kristallne Seen, dunkle Wälder, weiße Dünen, herrschaftliche Güter, Bernstein und Elche. Das andere schildert den Schrecken und Wahnsinn des Krieges – Ostpreußen 1945: Flüchtlingstrecks in Eis und Schnee, Mord und Vernichtung.
Der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit
Diese Geschichte begann mit dem Ersten Weltkrieg. Ostpreußen war die einzige deutsche Provinz, die direkt unter den Kämpfen zu leiden hatte und verheerend zerstört wurde. Kaum schwiegen die Waffen, begannen neue Konflikte: Am 10. Januar 1923 marschierten als Freischärler getarnte litauische Einheiten im Memelgebiet ein und verleibten es der 1918 gegründeten Republik Litauen ein.


Der Fall des Kaiserreichs hatte hier kaum etwas bewirkt – die alte konservative Elite saß längst wieder in Amt und Würden. Das Grundproblem Ostpreußens blieb die agrarische Monostruktur: Um ihre Höfe am Leben zu erhalten, verschuldeten sich viele Landwirte.
NS-Herrschaft: Erich Koch
Der Nationalsozialismus in Ostpreußen ist vor allem mit einem Namen verbunden: Erich Koch, geboren 1896 in Elberfeld, von Beruf Eisenbahnschaffner. Seit 1928 widmete sich der führergläubige Protestant dem Aufbau der ostpreußischen NSDAP und prägte sie bis zum Ende. Bereits im Juli 1933 segnete das Reichskabinett den „Ostpreußenplan“ ab; es folgte ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung – und zugleich die ideologische Durchdringung: Als das kleine Dorf Sutzken am 27. Oktober 1933 seinen alten Namen zugunsten von „Hitlershöhe“ verlor, war das der Anfang vom Ende vieler jahrhundertealter ostpreußischer Ortsnamen.
Schon in den ersten Wochen der NS-Herrschaft regierten Mord und Verbrechen. Die NSDAP-Kreisleitung Insterburg rief am 1. April 1933 mit einer Denunziationsliste zum Boykott jüdischer Ärzte, Rechtsanwälte und Kaufleute auf. Im November 1938 brannten auch Ostpreußens Synagogen: Die Königsberger Neue Synagoge ging in Flammen auf, in den Morgenstunden des 10. November wurden 450 jüdische Königsberger festgenommen.
Am 31. August 1941 lebten noch 1.139 jüdische Menschen im Regierungsbezirk Königsberg. Für ihre Deportation zeichneten regionale Staatspolizeistellen verantwortlich; in penibler Gründlichkeit hielten sie die technische Abwicklung der Deportation in den Tod fest. Der preußische Geist der Toleranz war spätestens 1933 untergegangen. Widerstand kam nur von wenigen mutigen Demokraten, Kommunisten, Juden und überzeugten Christen. Wie andernorts gab es auch in Ostpreußen Arbeitserziehungs-, Durchgangs- und Konzentrationslager.
Der Krieg kehrt zurück
Vielfach beschreibt die Erinnerungsliteratur die trügerische Ruhe der ersten Kriegsjahre – ganze Berliner Schulen, ausgebombte Familien aus vielen Großstädten kamen in das vermeintlich sichere Ostpreußen. Doch spätestens 1944 erreichte der Luftkrieg auch diesen Winkel des Reiches: In der Nacht vom 29. zum 30. August vernichteten 650 britische Bomber durch neue Brandstrahlbomben und den ausgelösten Feuersturm fast das ganze historische Königsberg.
„Die Vorboten der Katastrophe machten sich bereits in den letzten Junitagen 1944 bemerkbar – leichte, kaum ins Bewußtsein dringende Stöße, die das sonnendurchglühte Land wie von fernem Erdbeben erzittern ließen.“
– Hans Graf von Lehndorff, Mitglied der Bekennenden Kirche
Unüberhörbar vernahm man das Donnern der Front. Nach Beginn der sowjetischen Großoffensive am 22. Juni 1944 stand die Rote Armee am nördlichen Memelufer. Von Mitte November an war plötzlich alles still – sowjetische Einheiten lagerten in der Rominter Heide. Dann, bei klirrendem Frost, brach der Sturm los: Am 13. Januar 1945 rückte die Rote Armee vor, die 3. Weißrussische Front im Norden, die 2. Weißrussische Front von Süden her.
Flucht über das Eis
„Und dann begann der große Auszug aus dem gelobten Land der Heimat, nicht wie zu Abrahams Zeiten mit der Verheißung ‚in ein Land, das ich dir zeigen werde‘, sondern ohne Ziel und ohne Führung hinaus in die Nacht.“
– Marion Gräfin Dönhoff über die Flucht im Januar 1945
Es herrschten eisige Temperaturen. Die Menschen flohen Richtung Meer und versuchten, über das zugefrorene Frische Haff auf die Frische Nehrung zu gelangen – die einzig verbliebene Landverbindung nach Westen, in den Danziger Raum. Die Trecks wurden von deutschen und sowjetischen Militärkolonnen in die Straßengräben gedrängt, von Artillerie und Tieffliegern beschossen, überrollt und niedergemacht.
In einer Rettungsaktion gelang es der Kriegsmarine, von Pillau aus viele Flüchtlinge nach Danzig, Gotenhafen und Hela zu bringen. Es kam zu den größten Schiffskatastrophen der Seefahrtsgeschichte – Zehntausende ertranken. Am 30. März fiel Danzig; damit war die Verbindung nach Westen endgültig abgeschnitten. Für Ostpreußen gab es keine Rettung mehr.


Das Massaker von Palmnicken
Als die sowjetische Offensive begann, löste die SS die Stutthofer Außenlager in Ostpreußen auf. Von Königsberg aus trieb man die etwa 7.000 überlebenden jüdischen KZ-Häftlinge aus der ganzen Provinz am 26. Januar Richtung Samland. Auf dem Todesmarsch an die Bernsteinküste wurden mehr als 2.000 Menschen, die vor Erschöpfung zusammenbrachen, von den Wachmannschaften erschossen. In Palmnicken angekommen, jagte man die Überlebenden am 30. Januar in die eisige Ostsee und ermordete sie mit Maschinengewehren. Nur 15 Menschen überlebten das Massaker.
Es war just jener 30. Januar 1945, an dem die Wilhelm Gustloff vor der Küste Pommerns unterging.
Festung Königsberg und das Ende
Als das Ende des Reiches abzusehen war, verließen sich die Behörden nicht mehr auf die Loyalität zur Partei, sondern beschworen die „soldatische Grundhaltung“ der „abgehärteten Grenzbevölkerung“. Einmal mehr wurde der Tannenberg-Mythos von 1914 bemüht – doch im Januar 1945 hofften die Ostpreußen vergeblich auf einen neuen Hindenburg.
In einem wahnwitzigen Entschluss erklärte Hitler Königsberg zur Festung. Ein Drittel der russischen Luftflotte war gegen die Stadt im Einsatz, ohne dass ein einziges deutsches Flugzeug zu sehen war. Dennoch kapitulierte Königsberg erst am 9. April 1945. „In Ostpreußen“, meldete der letzte Wehrmachtsbericht vom 9. Mai 1945, „haben deutsche Divisionen noch gestern die Weichselmündung und den Westteil der Frischen Nehrung tapfer verteidigt.“
Gauleiter Erich Koch hatte sich kurz zuvor abgesetzt. 1949 wurde bei Hamburg ein gewisser „Rolf Berger“ verhaftet – man hatte den Gauleiter wiedererkannt. Die Briten lieferten ihn an Polen aus; 1958 wurde er vom Bezirksgericht Warschau des Mordes und der Beihilfe zum Mord in 400.000 Fällen für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung blieb wegen Erkrankung ausgesetzt. Erich Koch – Gauleiter, Oberpräsident, Massenmörder – starb am 12. November 1986, 90 Jahre alt, in einem Gefängnis in Wartenburg, auf ostpreußischem Boden.
Die Bilanz
Unter allen Provinzen des Reiches erlitt Ostpreußen die höchsten Verluste an Menschenleben: Von seinen 2,5 Millionen Einwohnern gingen von 1933 bis in die späten vierziger Jahre 511.000 Menschen zugrunde, davon 311.000 Zivilisten – durch Holocaust und NS-Terror, durch Krieg, Flucht, Verschleppung, Lagerinternierung, Hunger und Kälte. 511.000 Menschen – und 700 Jahre deutscher Geschichte.
