„Unseren Jürgen haben sie wieder viel gefault“, das waren typische Worte von Werner Keim. Er berichtete dann stolz von einem Fußballspiel seines Sohnes. Oft war Jürgen für seine Gegenspieler viel zu schnell. Seine Dribblings konnten nur mit einem Foul gestoppt werden. Alte Mannschaftskameraden sagten: „Jürgen war immer mannschaftsdienlich, einer der besten, sportlich und menschlich.“ Jürgen war ein Ausnahmespieler.
Die beginnenden sozialen Bewegungen der 68er bekamen wir mehr am Rande mit. Die Demos gegen den Vietnamkrieg sahen wir in der Tagesschau. Im Popshop Radio hörten wir „Antihits aus Deutschland“. Auf der nahegelegenen Burg Waldeck sang die deutsche Folk- und Protestlieder-Szene. Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader, Dieter Süverkrüp, Walter Mossmann und viele mehr haben bei Jürgen Spuren hinterlassen. In sein Herz aber drangen die mehr poetischen Chansons von Reinhard Mey.
Wir engagierten uns, gründeten die Aktionsgruppe kritische Jugend, AKJ. Wir forderten einen Jugendraum in Kastellaun. Jürgen konnte wunderbar grinsend die Geschichte unseres Scheiterns erzählen: „Jungen und Mädchen alleine in einem Raum, da kommt es doch sicher zu Striptease!“ Das waren die Worte des katholischen Dechanten Bauer. Nur für uns Jungs hätte er schon eine Lösung gehabt.
Jürgen war Mitgründer der Amnesty-International-Gruppe Kastellaun-Mastershausen. Er drängte sich nie in den Vordergrund, war immer mit dabei, wenn es hieß konkret bei Aktionen anzupacken und Zivilcourage zu zeigen. Beim Verteilen von Flugblättern, an Infoständen und bei Spendensammlungen von Tür zu Tür.
Wir trampten nach Frankreich, stundenlang mit unseren langen Haaren am Straßenrand vergeblich winkend. Fuhren mit einem Paddelboot den Rhein hinunter.
Oder, eine Party in Mastershausen, weit nach Mitternacht. Wir hatten keine Mitfahrgelegenheit zurück. Also zu Fuß, in die rabenschwarze Nacht. Im Wald wurde erzählt, gepfiffen, gesummt und gesungen.
„Komm, gieß’ mein Glas noch einmal ein. Mit jenem bill’gen roten Wein, in dem ist jene Zeit noch wach …“
Irgendwann sahen wir hundemüde im Morgennebel die vertraute Kastellauner Burgruine mit den beiden Kirchtürmen auftauchen.
Es wurde viel zusammen gelacht. Oft war es Situationskomik. Keiner hätte wirklich genau beschreiben können warum. Auch in eigentlich durchaus ernsten Situationen, wir schauten uns an und konnten uns kaum noch beherrschen. Wobei Jürgen meistens nicht lauthals, sondern verschmitzt in sich hineinlachte.
Und Jürgen war ein begnadeter Schauspieler, gerne auch mit dem Schalk im Nacken. Siebziger Jahre, Kalter Krieg, Eiserner Vorhang. Jürgen fährt mit einer Hunsrücker Clique in den Urlaub nach Ungarn. Einer, Typ konservativer Beamter, hat viel Schmuggelware dabei. Damit versucht er den zahlreichen DDR-Mädels, die ebenfalls am Plattensee Urlaub machen, mächtig zu imponieren. Jürgen ist das peinlich.
Jürgen und Rainer fahren einige Tage früher zurück. Bei der Grenzkontrolle stellt sich heraus, Jürgen hat seinen Pass verloren, Ausreise verweigert. Aus dieser Situation machen Jürgen und Rainer eine köstliche Komödie, die auch noch 20 Jahre später immer wieder erzählt und belacht wurde.
Jürgen machte eine Ausbildung in Koblenz, wurde dahin regelmäßig im Auto von Joachim Mertes mitgenommen. Jürgen berichtete von intensiven politischen Diskussionen, der Themenkreis war im damals konservativen Hunsrück nicht gerade alltäglich. Joachim Mertes machte Karriere bis zum sozialdemokratischen Landtagspräsidenten, Jürgen wurde der sich aufopfernde Sozialarbeiter an der Basis.
Frieden und soziale Gerechtigkeit, das waren Jürgens Themen. Er blieb seinen Idealen treu. Als die Friedensbewegung das Land aufrüttelte, mobilisierte er mit. Frieden braucht Bewegung. Eine machtvolle Friedensdemonstration wie Rheinland-Pfalz sie nie gesehen hatte. Jürgen mitten bei den 180.000 Menschen vor den Toren seiner Heimatstadt Kastellaun.
Mein Kontakt zu Jürgen hatte lange Unterbrechungen. Aber wenn wir uns wiedersahen, brauchte es nur einen kleinen Moment, um die alte, vertraute Verbindung, genau an der Stelle weiterzuführen, an der sie zuletzt unterbrochen wurde.
