Zwischen den Hunsrückdörfern Bell und Hasselbach baute die NATO in den achtziger Jahren eine Basis für atomare Marschflugkörper – Deckname Pydna. 96 Cruise Missiles sollten dort stehen. Die Bevölkerung sollte davon nichts erfahren. Sie erfuhr es doch, und sie stellte sich quer.
Wie es begann
Am 12. Dezember 1979 beschloss die NATO die „Nachrüstung": 108 Pershing II und 96 Marschflugkörper für die Bundesrepublik. Wo genau, blieb geheim – bis 1983 auf Seite 609 eines frei zugänglichen Berichts des US-Repräsentantenhauses der Ort Wüschheim als Operationsbasis für Cruise Missiles auftauchte. Der amerikanischen Bürokratie war beim Schwärzen der Ortsnamen ein Fehler unterlaufen.
Danach ging es schnell. Im Februar 1984 veröffentlichte die Hunsrücker Zeitung einen offenen Brief von 171 Beller Bürgerinnen und Bürgern; im März lehnten die Gemeinderäte von Hasselbach und Bell die NATO-Baumaßnahmen einstimmig ab. Verteidigungsminister Wörner wies den Einspruch zurück. Gebaut wurde trotzdem: sechs Bunkereinheiten mit dem Tarnnamen GAMA, für rund 40 Millionen DM, Fertigstellungstermin 31. Dezember 1986.
Das Besondere am Hunsrück
Anderswo trugen Parteien, Gewerkschaften und kirchliche Gruppen die Friedensbewegung. Im Hunsrück arbeiteten die Initiativen weitgehend unabhängig davon – regional und selbständig. Ihr größter Erfolg war nicht eine einzelne Demonstration, sondern die Verschiebung der Stimmung: Durch eine offensive, geduldige Informationsarbeit gewannen sie auch Menschen, die sonst eher unpolitisch oder konservativ waren und das Konzept der atomaren Abschreckung im Grundsatz bejahten.
Im Oktober 1986 kamen 180.000 Menschen zwischen Hasselbach und Bell zusammen. Die Polizei gab das Motto „Gewaltfrei im Hunsrück" aus und blieb weitgehend unsichtbar: keine Festnahmen, keine Verletzten. Im November folgten Sitzblockaden an den Raketentoren. Die Mauer der Basis wurde bunt beschrieben.
Wie es ausging
Anfang 1987 begann die offizielle Stationierung. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten Reagan und Gorbatschow den INF-Vertrag über die Abrüstung der Mittelstreckenraketen. Bis zum 1. Juni 1991 mussten alle landgestützten Systeme vernichtet sein – die Marschflugkörper verließen den Hunsrück, die Bunker blieben stehen. Am 31. August 1993 übernahm die Standortverwaltung Kastellaun das Gelände von den US-Streitkräften.
1995 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Sitzblockaden keine Nötigung sind. Alle im Hunsrück Verurteilten wurden freigesprochen und entschädigt. Seit 1996 wird auf dem Gelände die Nature One gefeiert – dort, wo die Cruise Missiles stehen sollten.
Im Hunsrück ist es gelungen, die Cruise Missiles wegzubekommen. Seit 2024 wird über die Stationierung weitreichender Waffen in Deutschland erneut entschieden – und die Argumente von damals sind wieder da.
Wie aus der Nachbarschaft dieser Jahre noch eine ganz andere Geschichte wurde, steht auf der Seite Der Fall Werner Mauss. Und wie eine „geheime" Lagekarte aus dem Spiegel die Behörden zur Realsatire zwang, erzählt die Akte Wippermann.
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