Frieden

Pydna und die Friedensbewegung im Hunsrück

1979 bis 1993: Wie sich eine ganze Region gegen die Atomraketen stellte

Großdemonstration der Friedensbewegung zwischen Hasselbach und Bell im Oktober 1986
Oktober 1986: Demonstration zwischen Hasselbach und Bell – an diesem Tag kamen 180.000 Menschen.

Zwischen den Hunsrückdörfern Bell und Hasselbach baute die NATO in den achtziger Jahren eine Basis für atomare Marschflugkörper – Deckname Pydna. 96 Cruise Missiles sollten dort stehen. Die Bevölkerung sollte davon nichts erfahren. Sie erfuhr es doch, und sie stellte sich quer.

Wie es begann

Am 12. Dezember 1979 beschloss die NATO die „Nachrüstung": 108 Pershing II und 96 Marschflugkörper für die Bundesrepublik. Wo genau, blieb geheim – bis 1983 auf Seite 609 eines frei zugänglichen Berichts des US-Repräsentantenhauses der Ort Wüschheim als Operationsbasis für Cruise Missiles auftauchte. Der amerikanischen Bürokratie war beim Schwärzen der Ortsnamen ein Fehler unterlaufen.

Danach ging es schnell. Im Februar 1984 veröffentlichte die Hunsrücker Zeitung einen offenen Brief von 171 Beller Bürgerinnen und Bürgern; im März lehnten die Gemeinderäte von Hasselbach und Bell die NATO-Baumaßnahmen einstimmig ab. Verteidigungsminister Wörner wies den Einspruch zurück. Gebaut wurde trotzdem: sechs Bunkereinheiten mit dem Tarnnamen GAMA, für rund 40 Millionen DM, Fertigstellungstermin 31. Dezember 1986.

Ostermarsch 1982 im Hunsrück
Ostermarsch 1982 im Hunsrück
Ostermarsch der Hunsrücker Friedensbewegung auf dem Marktplatz in Kastellaun
Ostermarsch der Hunsrücker Friedensbewegung
Blockade eines Tores der Raketenstation Pydna
Blockade des Pydna-Haupttors
Transparent „Frieden braucht Bewegung!“ bei der Großdemonstration 1986
„Frieden braucht Bewegung!“ – ein Transparent von 1986

Das Besondere am Hunsrück

Anderswo trugen Parteien, Gewerkschaften und kirchliche Gruppen die Friedensbewegung. Im Hunsrück arbeiteten die Initiativen weitgehend unabhängig davon – regional und selbständig. Ihr größter Erfolg war nicht eine einzelne Demonstration, sondern die Verschiebung der Stimmung: Durch eine offensive, geduldige Informationsarbeit gewannen sie auch Menschen, die sonst eher unpolitisch oder konservativ waren und das Konzept der atomaren Abschreckung im Grundsatz bejahten.

Im Oktober 1986 kamen 180.000 Menschen zwischen Hasselbach und Bell zusammen. Die Polizei gab das Motto „Gewaltfrei im Hunsrück" aus und blieb weitgehend unsichtbar: keine Festnahmen, keine Verletzten. Im November folgten Sitzblockaden an den Raketentoren. Die Mauer der Basis wurde bunt beschrieben.

Die bemalte und beschriebene Mauer der Raketenstation Pydna, 1986
Die Mauer der Raketenstation, 1986 – beschrieben von denen, die nicht wollten, was dahinter entstand.

Wie es ausging

Anfang 1987 begann die offizielle Stationierung. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten Reagan und Gorbatschow den INF-Vertrag über die Abrüstung der Mittelstreckenraketen. Bis zum 1. Juni 1991 mussten alle landgestützten Systeme vernichtet sein – die Marschflugkörper verließen den Hunsrück, die Bunker blieben stehen. Am 31. August 1993 übernahm die Standortverwaltung Kastellaun das Gelände von den US-Streitkräften.

1995 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Sitzblockaden keine Nötigung sind. Alle im Hunsrück Verurteilten wurden freigesprochen und entschädigt. Seit 1996 wird auf dem Gelände die Nature One gefeiert – dort, wo die Cruise Missiles stehen sollten.

Im Hunsrück ist es gelungen, die Cruise Missiles wegzubekommen. Seit 2024 wird über die Stationierung weitreichender Waffen in Deutschland erneut entschieden – und die Argumente von damals sind wieder da.
Das ganze Archiv: Pydna & Friedensbewegung auf pydna.de – mit ausführlicher Zeitleiste, dem Bericht zur Großdemonstration 1986 und der vollständigen Magisterarbeit „Mobilisierung durch Information" von Matthias Kagerbauer (Mainz 2008) über die Friedensbewegung in Rheinland-Pfalz.

Wie aus der Nachbarschaft dieser Jahre noch eine ganz andere Geschichte wurde, steht auf der Seite Der Fall Werner Mauss. Und wie eine „geheime" Lagekarte aus dem Spiegel die Behörden zur Realsatire zwang, erzählt die Akte Wippermann.

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