Frieden

40 Jahre nach der Großdemo: Frieden braucht Bewegung

11. Oktober 1986 – 11. Oktober 2026 · 5. Oktober 2026

Großdemonstration der Friedensbewegung bei Bell im Oktober 1986
Großdemonstration der Friedensbewegung zwischen Hasselbach und Bell, 11. Oktober 1986.

180.000 Menschen kamen damals in den Hunsrück, gegen 96 atomar bestückte Marschflugkörper. Vierzig Jahre später steht die Frage der Stationierung wieder auf der Tagesordnung. Was damals geschah – und wie dieser Tag ablief.

Blick über die Menschenmenge bei der Großdemonstration zwischen Hasselbach und Bell am 11. Oktober 1986
180.000Menschen kamen am 11. Oktober 1986 zwischen Hasselbach und Bell zusammen – die bis heute größte politische Demonstration in Rheinland-Pfalz.
Blick von der Bühne über die Menge bei der Großdemonstration 1986, Menschen mit erhobenen Händen
96mit Atombomben bestückte Cruise Missiles sollten auf dem Gelände mit Deckname PYDNA stationiert werden. Reichweite bis Moskau.
Gemaltes Plakat mit dem Schriftzug „Frieden braucht Bewegung“
6Bunkereinheiten „auf der PYDNA“ wurden nie belegt.
Was damals geschah Der 11. Oktober 1986 Warum die Gefahr wieder groß ist 85 Sekunden Frieden 2026: zwölf Fragen Der Termin in Simmern Quellen und Weiterlesen

Was vor vierzig Jahren geschah

Ein Mann blickt über die mit Stacheldraht gesicherte Betonmauer der Raketenstation
Reinhard Sczech riskiert einen Blick über die Mauer der Raketenstation, Oktober 1986.

Die NATO ließ zwischen Bell und Hasselbach eine Basis für 96 atomar bestückte Marschflugkörper bauen, Deckname Pydna. Die Bevölkerung erfuhr davon nicht von ihrer Regierung, sondern durch Recherche. Aus Wut über das Verschweigen wurde eine Bewegung, die über Jahre Ostermärsche, Mahnwachen, Friedensgebete und Blockaden trug.

Am 11. Oktober 1986 lief sie zusammen: 180.000 Menschen aus der ganzen Bundesrepublik marschierten vom Bahnhof Kastellaun und von Hasselbach aus am Stationierungsgelände vorbei nach Bell. Es gab keine Festnahmen, keine Verletzten, keinen Wasserwerfer. 1987 unterschrieben Reagan und Gorbatschow den INF-Vertrag, 1993 war das Gelände leer.

Wie es dazu kam – die Stationierung, die Ostermärsche, die Blockaden und was aus dem Gelände wurde –, erzählt unsere Übersicht Pydna und die Friedensbewegung.

Der 11. Oktober 1986

Im Februar 1986 beschloss die Aktionskonferenz der Friedensbewegung in Bonn-Beuel, die nächste bundesweite Großdemonstration im Hunsrück abzuhalten, bei Hasselbach und Bell. Vorgesehen waren auch „Aktionen zivilen Ungehorsams“ am Stationierungsgebiet. Genau darüber wurde bis zuletzt gestritten.

Teile des Koordinationsausschusses wollten blockieren, um dem Anliegen mehr Nachdruck zu geben. Die dort vertretenen Parteien waren dagegen: Bundestagswahlkampf, keine Bilder von unfriedlichen Aktionen. Die Mehrheit der Hunsrücker Friedensinitiativen war ebenfalls dagegen, aber aus einem anderen Grund. Im März 1986 waren bei den Protesten gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zwei Menschen ums Leben gekommen. Die Friedensinitiativen fürchteten, dass angekündigte Blockaden die eigene Bevölkerung abschrecken und das mühsam gewachsene Vertrauen im Dorf zerstören würden. Man einigte sich: ziviler Ungehorsam erst nach der Demonstration.

Sonderzug mit Demonstranten am reaktivierten Bahnhof Kastellaun, Oktober 1986
Für die Anreise wurde der Bahnhof Kastellaun reaktiviert – mit Sonderzügen aus der ganzen Bundesrepublik.
Wartende Menschen am Gleis, während ein weiterer Sonderzug in Kastellaun einfährt
Die Züge kamen im Takt. Wer ankam, wurde von denen begrüßt, die schon da waren.

Am Tag selbst marschierten die Züge vom Bahnhof Kastellaun und von Hasselbach aus am Stationierungsgelände vorbei nach Bell. Die Veranstalter zählten 180.000 bis 200.000 Teilnehmer, die Polizei sprach am Abend von „über 100.000“. Nach Schätzungen der Friedensinitiativen waren rund 10.000 Hunsrücker dabei – in einer Region, in der ein 480-Seelen-Dorf wie Bell als Hochburg galt, ist das die eigentliche Zahl. Auf der Abschlusskundgebung sprachen August Dahl und Gerhard Lorenz für die Hunsrücker Friedensbewegung, dazu die Mainzer Theologieprofessorin Luise Schottroff, Horst Klaus vom DGB und der Zukunftsforscher Robert Jungk; Udo Lindenberg und Hannes Wader spielten.

Bühne auf dem Beller Markt mit großem Transparent, davor dichte Menschenmenge
Die Bühne auf dem Beller Markt. Auf dem Transparent: „Keinerlei Militäranlagen auf dem Gosberg, im Hunsrück und anderswo – wehr dich, sei ungehorsam!“
Blick über das Feld beim Beller Markt, bis zum Horizont dicht an dicht Menschen
Soweit das Auge reicht: der Beller Markt am Nachmittag des 11. Oktober 1986.

Warum nichts passierte

Eine Demonstrantin überreicht einem Polizisten eine kleine Blüte
Eine Demonstrantin schenkt einem Polizisten ein Blümchen.

5.000 Polizeibeamte waren im Einsatz, und es blieb friedlich – nicht zufällig. Vertreter der Friedensinitiativen, unter ihnen August Dahl, hatten im Vorfeld Polizeischulen der Region besucht und den Beamten ihr Anliegen und ihr Konzept für den Tag erklärt. Die Polizei wiederum fuhr ein neues Einsatzkonzept: Aufkleber und Informationsblätter für die Demonstranten, mit der Bitte um Kooperation. Die Fachzeitschrift Deutsche Polizei klang in Nr. 11/86 selbst überrascht:

Wer hätte das gedacht? Keine Ausschreitungen, keine Festnahmen, keine Stahlkugeln, kein Wasserwerfereinsatz, kein Demonstrant, der nicht den Kundgebungsort erreicht hätte, keine verletzten Polizeibeamten und keine verletzten Demonstrationsteilnehmer. Die Großkundgebung, an der rund 180.000 Menschen teilnahmen …

Bemerkenswert daran ist die Zahl: dieselbe Polizei, die am Abend auf politische Weisung hin auf „über 100.000“ heruntergehen musste, nennt in der eigenen Fachzeitschrift 180.000.

Bildcollage von der Großdemonstration am 11. Oktober 1986: Bühne, Menschenmenge, Kreuze auf dem Friedensacker, Demonstrant mit Raketenattrappe
Hasselbach, 11. Oktober 1986. Links unten der Friedensacker: „96 Kreuze für 96 cruise missiles – Symbole der todbringenden Wirkung von Atomwaffen. Frieden für den Hunsrück!“

Die Mauer danach

Die Betonmauer am Stationierungsgelände war nach der Demonstration über und über beschrieben. „Helmut, jetzt reichts, Hannelore“. „Wir brauchen kein SDI, wir haben schon eine Teflonpfanne“. „Ein freies Land braucht keine Mauern“. „Wir grüßen die Bundesregierung mit einem dreifachen: hau ab!“ Eine geballte Ladung Phantasie gegen die Hochrüstung.

Beschriftete Betonmauer mit Parolen in mehreren Sprachen
„Refuse the Cruise“, „Der Wende ein Ende“, „Wir wollen leben“ – beschrieben wurde in allen Sprachen, die an diesem Tag im Hunsrück zu hören waren.
Mauerabschnitt mit Transparenten und großflächigen Parolen
„Für eine Europa ohne Erstschlagswaffen“ – und daneben, in roter Farbe: „Hier steht die Schandmauer!“

Das bundesweite Echo war durchweg positiv: Bild, FAZ und Süddeutsche Zeitung lobten den friedlichen Ablauf, und selbst die Rhein-Zeitung, deren Verhältnis zu den Friedensinitiativen bis dahin gespannt war, berichtete ausführlich. Zeitungen aus aller Welt griffen den Tag auf. Im Beller Pfarrhaus und im Hunsrücker Friedensbüro stapelten sich die Dankschreiben – die meisten lobten weniger die Demonstration als die Gastfreundschaft der Hunsrücker.

Paradoxerweise war die Friedlichkeit auch der Grund, warum in den Massenmedien vergleichsweise wenig hängenblieb. Über Krawalle hätte man wochenlang berichtet.


Warum die Gefahr heute wieder groß ist

Der Politikwissenschaftler John J. Mearsheimer hat sich in seinem Vortrag The False Promise of Tactical Nuclear Weapons genau mit der Frage beschäftigt, die den Hunsrück vierzig Jahre lang umgetrieben hat: Was passiert, wenn ein Bündnis seine Verteidigung auf Atomwaffen für das Gefechtsfeld stützt? Seine Antwort ist unbequem, und sie stützt sich auf ein Experiment, das es wirklich gegeben hat. Der folgende Abschnitt gibt seine Argumentation wieder.

Mauerabschnitt mit aufgemalten Leitern und der Parole über das Übersteigen der Mauer
„Da hilft keine Trauer, gebrauch deine Power, steig über die Mauer!“ Rechts daneben: „Wenn das Gesetz unrecht ist, sage ich dir: brich das Gesetz.“

Warum taktische Atomwaffen wieder im Gespräch sind

Mearsheimers Ausgangspunkt ist nicht die Ideologie, sondern die Materialwirtschaft. Die Vereinigten Staaten haben ihre Bestände an präziser konventioneller Munition durch die Kriege der vergangenen Jahre und die Unterstützung von Verbündeten weitgehend aufgebraucht (ab 4:47). Zugleich fehlt die industrielle Basis, um sie schnell nachzuproduzieren: Während des „unipolaren Moments“ nach 1990 wurde die Rüstungsindustrie zurückgebaut. Russland und China sind heute eher in der Lage, einen langen Abnutzungskrieg durchzuhalten; die USA kämen nach Mearsheimers Einschätzung in einem konventionellen Krieg gegen eine dieser Mächte binnen weniger Monate in ernste Schwierigkeiten.

Und genau da setzt der gefährliche Reflex ein: Wenn die konventionelle Abschreckung schwächer wird, schauen Strategen wieder auf die nukleare Option – auf kleine Atomwaffen für den Einsatz auf dem Schlachtfeld (ab 6:13). Das ist keine neue Idee. Es ist eine sehr alte, und sie ist schon einmal durchgerechnet worden.

Carte Blanche, Juni 1955

Mitte der 1950er Jahre hatte die NATO in Europa kaum konventionelle Truppen. Die Bundesrepublik war bis 1955 nicht wiederbewaffnet, Frankreich war in Indochina gebunden. Also setzte man auf taktische Atomwaffen. Um zu prüfen, ob das trägt, führte die NATO vom 20. bis 28. Juni 1955 das Manöver Carte Blanche durch: ein Planspiel über einen sowjetischen Angriff, bei dem beide Seiten Nuklearwaffen einsetzen.

Rund 3.000 Flugzeuge flogen über das Übungsgebiet. Simuliert wurden 335 Kernwaffeneinsätze, 268 davon detonierten über deutschem Boden. Das Ergebnis, das die Planer am Ende auf dem Papier hatten: 1,7 Millionen Tote und 3,5 Millionen Verletzte in Deutschland – in den ersten Tagen. Die Folgen des radioaktiven Niederschlags waren dabei noch nicht eingerechnet.

Der Satz, der davon übrig blieb

Deutschland verteidigen, indem man es zerstört. Das Ergebnis von Carte Blanche drang 1955 an die Öffentlichkeit und erschütterte die junge Bundesrepublik – es ist einer der Ursprünge der deutschen Friedensbewegung, dreißig Jahre vor Pydna.

Drei Gründe, warum es nicht funktioniert

Erstens: Man zerstört, was man verteidigt. Taktische Atomwaffen gegen einen konventionellen Angriff einzusetzen heißt, das eigene Territorium zu verwüsten (ab 14:34). Bevölkerung und Infrastruktur sind danach weg. Was genau hat man dann verteidigt?

Zweitens: Es gibt keine saubere Grenze nach oben. Zwischen taktischen, Mittelstrecken- und strategischen Waffen verläuft keine Linie, an der ein Krieg verlässlich anhält (ab 16:00). Wer auf dem Gefechtsfeld anfängt, betritt eine schiefe Ebene, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in den thermonuklearen Krieg führt. Verschärfend kommt hinzu, dass die Führungs- und Kommunikationsstrukturen in einem Atomkrieg sehr schnell zusammenbrechen (ab 17:07) – es ist also nicht einmal gesichert, dass jemand den Befehl zum Aufhören noch absetzen und durchsetzen könnte.

Drittens: Sie gewinnen keine Schlacht. Militärisch, so Mearsheimer, taugen taktische Atomwaffen nicht dazu, einen Krieg auf dem Gefechtsfeld zu entscheiden (ab 26:41). Sie treffen beide Seiten, sie machen das Gelände unpassierbar, sie vernichten die eigene Logistik mit.

Wie die NATO damals die Kurve bekam

Der Schock von Carte Blanche und spätere Studien führten zu einer Kurskorrektur. Mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ab 1955 und stärkeren US-Verbänden in Europa verlagerte sich das Gewicht zurück auf konventionelle Abschreckung (ab 22:22). Und die Doktrin änderte sich grundlegend: Mit MC 14/3 von 1967 – der „Flexible Response“ – gab man die Vorstellung auf, Atomwaffen wie Artillerie einzusetzen. Vorgesehen war im Ernstfall nur noch eine Handvoll nuklearer Warnschüsse, nicht um den Krieg zu gewinnen, sondern um dem Gegner das unkalkulierbare Risiko vor Augen zu führen (ab 26:10).

Mearsheimers eigentliche Warnung ist damit keine über neue Waffen, sondern eine über Gedächtnis: Die Lehre, die die NATO zwischen 1955 und 1967 teuer gelernt hat, wird gerade wieder vergessen.

85 Sekunden

Worüber hier geredet wird, lässt sich beziffern. Nach den Schätzungen der Arms Control Association lagern 2026 weltweit mehr als 12.100 nukleare Sprengköpfe; rund 9.700 davon sind im militärischen Dienst, der Rest wartet auf die Zerlegung. Fast 90 Prozent entfallen auf Russland und die Vereinigten Staaten.

Weltkarte mit den geschätzten Beständen an nuklearen Sprengköpfen 2026: Russland 5.420, USA 5.042, China 620, Frankreich 370, Vereinigtes Königreich 225, Indien 190, Pakistan 170, Israel 90, Nordkorea 60
Geschätzte weltweite Bestände an nuklearen Sprengköpfen, Stand Juni 2026. Grafik: Arms Control Association; Datengrundlage: Federation of American Scientists, SIPRI und US-Behörden.

Wie ernst die Lage eingeschätzt wird, lässt sich an einem Zifferblatt ablesen. Das Bulletin of the Atomic Scientists wurde 1945 von Wissenschaftlern des Manhattan-Projekts gegründet; Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer gehörten zu seinen prominenten Förderern. 1947 stellte es die Doomsday Clock vor – keine Prognose, sondern ein Weckruf. Mitternacht steht für die selbstverschuldete globale Katastrophe. Ein Expertengremium bewertet jedes Jahr neu, wie nah die Menschheit daran ist.

Bewertet werden vier ineinandergreifende Gefahren:

Am 27. Januar 2026 stellte das Gremium die Uhr auf 85 Sekunden vor Mitternacht – der näheste Stand in ihrer Geschichte. Die Begründung ist bemerkenswert unspektakulär: Es fehle weltweit an politischer Führung, die diesen Krisen gemeinsam entgegentritt. Die Uhr, betonen die Wissenschaftler jedes Jahr, zeigt kein Schicksal an. Sie ist ein Barometer für menschliches Handeln oder Unterlassen.

Frisch grün überstrichene Mauer, darauf erneut Parolen geschrieben
Die Betreiber strichen die Mauer grün über. Die Antwort stand am nächsten Tag darauf: „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht!“ und „Die Wahrheit ist nicht einfach zu überpinseln!“

Genau das war die Erfahrung des Hunsrücks. 96 Marschflugkörper waren beschlossene Sache, die Bunker standen, das Geld war ausgegeben. Dann kamen 180.000 Menschen, und 1987 war der INF-Vertrag unterschrieben. Frieden braucht Bewegung – das ist kein Spruch von einem Plakat, sondern eine Beobachtung.


Frieden 2026: zwölf Fragen

Andreas Zumach, von 1988 bis 2020 UNO-Korrespondent der taz in Genf, ist mit zwölf Themen auf Vortragsreise. Zusammen ergeben sie eine Bestandsaufnahme dessen, was 2026 auf dem Tisch liegt – und sie führen direkt zu der Frage, die den Hunsrück vierzig Jahre lang umgetrieben hat. Die folgenden Zusammenfassungen folgen seinen Ankündigungstexten bei der Kooperation für den Frieden; die Grafiken sind eine eigene Darstellung von pydna.de.

1. Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens

Seit 2023 sind die Kriege in Westasien gefährlicher eskaliert und haben mehr Opfer gefordert als je seit 1945. Der völkerrechtswidrige Krieg der USA und Israels gegen Iran hat die Konfliktdynamiken der Region grundlegend verändert. Washington hat militärische und politische Handlungsoptionen verloren, während China durch Diplomatie und den Ausbau von Wirtschaftsbeziehungen an Einfluss gewinnt. Neue Bündniskonstellationen deuten sich an – etwa zwischen Saudi-Arabien, Ägypten, der Türkei und der Atomwaffenmacht Pakistan –, aber auch verschärfte Konflikte, etwa zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die starke innenpolitische Kritik am Iran-Krieg könnte bei den Wahlen in Israel am 27. Oktober und in den USA am 3. November zur Niederlage Netanjahus und von Trumps Republikanern führen. Lassen diese Entwicklungen auf eine Stabilisierung der Region hoffen, die eines Tages vielleicht sogar eine gerechte Friedenslösung für Israel und Palästina möglich macht – oder drohen ein verschärfter Rüstungswettlauf, sogar mit Massenvernichtungswaffen, und neue Kriege?

Schema: Eskalation seit 2023 und der Krieg gegen Iran verändern die Region; die USA verlieren Handlungsoptionen, China gewinnt Einfluss, neue Bündnisse entstehen. Daraus zwei mögliche Wege: Stabilisierung oder verschärfter Rüstungswettlauf und neue Kriege.
Punkt 1: Die Kräfteverschiebung in Westasien und die zwei möglichen Ausgänge.

2. Eigene Atomwaffen für Europa

Lügen, Leugnung, Verharmlosung, Vertuschung, Legenden, Täuschung, Illusionen, Selbstbetrug – in keinem anderen Politikfeld spielen diese Faktoren eine so starke Rolle wie bei der militärischen Rüstung. Ganz besonders gilt das für die vor 85 Jahren in den USA begonnene Entwicklung atomarer Massenvernichtungsmittel und für die nichtmilitärische Nutzung der nuklearen Technologie. Fast alle diese Faktoren sind auch für die zunehmenden Forderungen nach einer eigenständigen, von den USA unabhängigen Atomwaffenkapazität der EU beziehungsweise der europäischen NATO-Staaten relevant. Zugleich ist die Gefahr, dass diese Massenvernichtungsmittel erneut eingesetzt werden, größer als je seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945.

Schema: Acht Begriffe – Lügen, Leugnung, Verharmlosung, Vertuschung, Legenden, Täuschung, Illusionen, Selbstbetrug – prägen seit 85 Jahren die Debatte über atomare Rüstung. Daraus folgt die Forderung nach einer eigenen EU-Atomwaffenkapazität. Eine ansteigende Kurve von 1945 bis 2026 zeigt: das Einsatzrisiko ist größer als je seit Hiroshima und Nagasaki.
Punkt 2: Die Debatte über eine europäische Atomwaffenkapazität – und das Risiko dahinter.

3. Venezuela, Ukraine … Taiwan – und was macht Europa?

80 Jahre nach seiner Begründung in der Charta der Vereinten Nationen stehen das Völkerrecht und die Institution der UNO vor dem Zusammenbruch. Mit ihren Kriegen und militärischen Interventionen gegen die Ukraine und in Venezuela verstoßen mit Russland und den USA zwei ständige Mitglieder des Sicherheitsrates gegen das zwischenstaatliche Gewaltverbot. Beide verhöhnen offen die Prinzipien der Souveränität und territorialen Integrität anderer Staaten, reklamieren das Recht des Stärkeren für sich und betreiben die Aufteilung der Welt in Einflusszonen. Die Völkerrechtsverstöße der USA werden von Deutschland kritiklos geduldet oder gar offen gutgeheißen. China beschränkt sich bislang auf die ebenfalls völkerrechtswidrige Androhung von Gewalt gegen Taiwan und die Missachtung der Rechte anderer Anrainerstaaten des Südchinesischen Meeres. Zugleich verstoßen immer mehr Staaten – nicht nur Autokratien und Diktaturen, sondern auch Deutschland und andere westliche Demokratien – gegen die 1948 völkerrechtlich verbindlich vereinbarten Menschenrechtsnormen. Ist Europa willens und in der Lage, dagegen anzusteuern?

Schema: In der Mitte das Gewaltverbot der UN-Charta von 1945, von einem Riss durchzogen. Drei Pfeile treffen darauf: Russland mit dem Krieg gegen die Ukraine, die USA mit der Intervention in Venezuela, China mit der Drohung gegen Taiwan. Darunter: Deutschland duldet die Verstöße der USA; die Frage, ob Europa gegensteuert.
Punkt 3: Wer das Gewaltverbot der UN-Charta verletzt – und was Europa tun könnte.

4. Friedensbewegung – wie weiter nach dem 3. Oktober?

Deutschland erlebt die größte und gefährlichste Aufrüstung sowie die stärkste innergesellschaftliche Militarisierung seit 1945 – mit gigantischen finanziellen Kosten und katastrophalen Kürzungsfolgen für alle Politikbereiche, die für die Friedensfähigkeit des Landes nach außen, für die dringend notwendige sozial-ökologische Transformation und für den Erhalt der Demokratie relevant wären. Gegen diese Entwicklung müssten Hunderttausende demonstrieren. Doch die Friedensbewegung brachte am 3. Oktober 2025 wie auch ein Jahr zuvor keine 30.000 Menschen auf die Straße. Was sind die Ursachen für diese Mobilisierungspleiten? Und wie kann es gelingen, so wie in den 1980er Jahren erneut die Mitte der Gesellschaft zu erreichen, die seit dem Ende des Kalten Krieges Geborenen zu mobilisieren und Differenzen in der bislang geschlossenen Front der Militärs und etablierten Sicherheitspolitikerinnen und -politiker herbeizuführen?

Balkenvergleich: Hasselbach am 11. Oktober 1986 mit 180.000 Teilnehmenden gegenüber der bundesweiten Demonstration am 3. Oktober 2025 mit unter 30.000. Darunter die Frage, wie die Friedensbewegung wieder die Mitte der Gesellschaft erreicht.
Punkt 4: Wie weit die Friedensbewegung heute von 1986 entfernt ist.
Transparent der ÖTV-Vertrauensleute an der Mauer, daneben Parolen
So sah die Mitte der Gesellschaft 1986 aus: „Mehr Zeit für die Kranken – keine Raketen auf den Rampen“, Transparent der ÖTV-Vertrauensleute aus dem Krankenhaus Langenberg.

5. Welche Welt nach Putin, Trump, Weidel & Co?

Ist eine Welt nach Putin, Trump, Weidel & Co vorstellbar? Eine Welt, in der wieder Tatsachenwahrheiten und gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse das politische Handeln und das Verhalten der Wählerinnen und Wähler bestimmen statt Fake News, Lügen und Haßpropaganda? In der Rüstungskontrolle und Abrüstung wieder möglich werden – statt blindwütiger Aufrüstung, Kriegspropaganda und innergesellschaftlicher Militarisierung – ebenso wie die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und die Herstellung von mehr Gerechtigkeit in Deutschland wie im globalen Maßstab? Was können wir tun, damit das keine Illusion bleibt?

Gegenüberstellung: links Heute mit Fake News und Hasspropaganda, blindwütiger Aufrüstung, Militarisierung der Gesellschaft und verfehlten Klimazielen; rechts Möglich mit Fakten und gesicherter Erkenntnis, Rüstungskontrolle und Abrüstung, Umsetzung des Pariser Abkommens und mehr Gerechtigkeit. Dazwischen ein Fragezeichen.
Punkt 5: Der Gegensatz zwischen dem heutigen Zustand und dem, was möglich wäre.

6. Israel und Palästina – ewiger Konflikt ohne Ende?

Gibt es noch eine Chance für eine gerechte Friedenslösung im seit fast 80 Jahren währenden Nahostkonflikt? Bietet der 20-Punkte-Plan von Donald Trump dafür eine Basis? Oder sind die Tötung und Vertreibung aller Palästinenserinnen und Palästinenser im Gazastreifen und in der Westbank sowie die Annexion dieser Gebiete zu einem Groß-Israel unvermeidbar? Was haben Netanjahu und die Hamas gemeinsam? Wer sind in Deutschland die wahren Feinde Israels und seiner gesicherten Existenz? Was bedeutet die durch die Shoah bedingte besondere Verantwortung der Deutschen, und wie sollte diese Verantwortung wahrgenommen werden?

Zeitstrahl von 1948 über 1967 und 1993 bis 2023, dann eine Gabelung: einerseits eine mögliche Friedenslösung auf Basis des 20-Punkte-Plans, andererseits Vertreibung und Annexion zu einem Groß-Israel. Daneben die Fragen nach den Gemeinsamkeiten von Netanjahu und Hamas und nach der deutschen Verantwortung.
Punkt 6: Die Weggabelung im Nahostkonflikt.

7. 80 Jahre UNO – nur eine Zwischenkriegszeit?

Nach dem tiefen Zivilisationsbruch der Jahre 1933 bis 1945 wurde in der am 24. Oktober 1945 in Kraft getretenen UNO-Gründungscharta das zwischenstaatliche Gewaltverbot als verbindliches Völkerrecht festgelegt. Mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 wurden erstmals in der Geschichte individuelle Menschenrechte definiert und mit universeller Gültigkeit für alle inzwischen 193 Staaten vereinbart. 80 Jahre später sind diese zivilisatorischen Fortschritte bedroht wie nie zuvor. Die Normen des Völkerrechts werden immer häufiger verletzt und zunehmend unverhohlener in Frage gestellt – zuletzt auch von der Bundesregierung. Die UNO ist infolge offener Obstruktion und mangels politischen und finanziellen Engagements ihrer Mitgliedsstaaten immer weniger in der Lage, ihre Kernaufgaben wahrzunehmen: Frieden, Menschenrechte und Entwicklung für alle. Die seit den 1970er Jahren entstandene Architektur bilateraler und multilateraler Rüstungskontroll- und Abrüstungsabkommen ist weitgehend zerstört, während die weltweiten Militärausgaben seit 2020 immer neue Rekordhöhen erreichen. Waren die letzten acht Jahrzehnte nur eine Schönwetterperiode, nur eine Zwischenkriegszeit wie die Jahre zwischen 1919 und 1939?

Schema: Oben der Aufbau der Normen – 1945 das Gewaltverbot der UN-Charta, 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, ab 1970 die Rüstungskontrollverträge. Darunter der heutige Zustand: die Vertragsarchitektur ist weitgehend zerstört, die Militärausgaben erreichen seit 2020 Rekordhöhen. Die Frage: war das nur eine Zwischenkriegszeit wie 1919 bis 1939?
Punkt 7: Der Aufbau und die Erosion der völkerrechtlichen Normen.

8. Weltmacht China – Bedrohung oder Chance?

In den letzten zwei Jahrhunderten seit Beginn der industriellen Revolution bestimmten die transatlantischen Staaten Nordamerikas und Europas weitgehend die Geschicke dieser Welt. Davor spielte China über 1500 Jahre diese Rolle. Mit dem rasanten Aufstieg des Reichs der Mitte zur global führenden Wirtschaftsnation findet – erstmals in der Geschichte – die Rückkehr einer Weltmacht statt. Westliche Industrieunternehmen verlieren immer mehr Marktanteile an chinesische Konkurrenten; parallel dazu vollzieht sich der relative Machtabstieg der USA. Doch muss diese Entwicklung zwangsläufig zu einem Krieg zwischen beiden Mächten führen, den manche westliche Strategen unter Verweis auf historische Beispiele schon für das nächste Jahrzehnt ankündigen? Oder auch nur zu einer militärischen Invasion Taiwans? Oder kann gemeinsam mit China – trotz aller Gegensätze und obwohl das Land auf absehbare Zeit keine Demokratie sein wird – im Rahmen der UNO und einer multipolaren Weltordnung die Bewältigung der Klimaerwärmung und anderer globaler Herausforderungen gelingen?

Schema: Ein Zeitband zeigt über 1500 Jahre China als bestimmende Macht, rund 200 Jahre Nordamerika und Europa, und heute die Rückkehr Chinas. Daraus zwei Wege: Krieg zwischen den USA und China beziehungsweise eine Invasion Taiwans – oder Kooperation in der UNO und einer multipolaren Ordnung.
Punkt 8: Chinas Rückkehr und die zwei Möglichkeiten, damit umzugehen.

9. „Pazifistisches Wolkenkuckucksheim“ ade?

Die westdeutsche Ost- und Entspannungspolitik seit Ende der 1960er Jahre hat den Menschen in der damaligen DDR humanitäre Erleichterungen gebracht, sie ermöglichte die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze, die Aussöhnung mit den Völkern der Sowjetunion sowie den Beitritt beider deutscher Staaten zur UNO. Und diese Politik führte schließlich zum Fall der Berliner Mauer, zum Ende der globalen Blockkonfrontation und zur deutschen Wiedervereinigung. War das auf einmal alles falsch und naiv? Ist die Entspannungspolitik tatsächlich gescheitert, wie seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 vielfach behauptet wird? Und ist die Wiederherstellung deutscher „Kriegstüchtigkeit“ die einzig mögliche Antwort auf die russische Aggression und die angeblich neue Unordnung in der Welt? Wie ließe sich die internationale Verantwortung Deutschlands stattdessen auf friedensfähige Weise wahrnehmen – und wie könnte die Friedensbewegung effektiver als bislang dazu beitragen?

Schema: Sechs Ergebnisse der Ost- und Entspannungspolitik – humanitäre Erleichterungen in der DDR, Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze, Aussöhnung mit den Völkern der Sowjetunion, UNO-Beitritt beider deutscher Staaten, Fall der Mauer, Wiedervereinigung. Darunter eine Zäsur im Februar 2022 und die gegenübergestellten Positionen.
Punkt 9: Die Bilanz der Entspannungspolitik gegen die These vom Scheitern.

10. Welche Weltordnung, welche Werte, welche Sicherheit?

Welche Weltordnung auf Basis welcher Regeln wollen wir? Eine globale bipolare Konfrontation zwischen „westlichen Demokratien“ und der „Allianz der Diktaturen China und Russland“, mit massiver und kostspieliger militärischer Aufrüstung wie in den 45 Jahren des Kalten Krieges? Oder eine multipolare Ordnung, deren Akteure – zunächst einmal unabhängig von ihrer Staats- und Regierungsform – bei der Bewältigung der Klimaerwärmung, des Hungers und anderer globaler Herausforderungen kooperieren? Wäre Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen dann nicht mehr statthaft? Und welche „Sicherheit“ verspricht die Nationale Sicherheitsstrategie der Bundesregierung den Menschen in Deutschland und im Rest der Welt?

Gegenüberstellung: links das bipolare Modell mit zwei Blöcken – westliche Demokratien gegen China und Russland – und massiver Aufrüstung wie im Kalten Krieg; rechts das multipolare Modell als Netz aus fünf verbundenen Akteuren, die bei Klimaerwärmung und Hunger kooperieren.
Punkt 10: Bipolare Konfrontation gegen multipolare Kooperation.

11. Globales Chaos oder Chancen für eine gerechte Weltordnung?

Ukrainekrieg, Auf- und Abstieg Chinas und der USA, Klimawandel und andere globale Krisen: Ist die Welt tatsächlich „aus den Fugen geraten“? Was genau ist die vom Westen reklamierte „regelbasierte Ordnung“ – und nach wessen Regeln? Welche Werte, welche Völker- und Menschenrechtsnormen sind universell verbindlich?

Schema: In der Mitte die Frage, welche Regeln gelten, umgeben von vier Krisen – Ukrainekrieg, Aufstieg Chinas, Abstieg der USA, Klimawandel und Hunger. Darunter die zwei konkurrierenden Antworten: die vom Westen reklamierte regelbasierte Ordnung gegenüber dem 1945 und 1948 vereinbarten, universell verbindlichen Völker- und Menschenrecht.
Punkt 11: Die Krisen und die Frage, welche Regeln für sie gelten.

12. Krieg in der Ukraine – und kein Ende?

Kostspielige Hochrüstung, eine auf lange Dauer angelegte Konfrontation mit Russland sowie die Vernachlässigung von Klimawandel, Hunger und anderen globalen Herausforderungen – diese „Zeitenwende“ bieten Politik und Medien fast unisono an, als angeblich alternativlose Antwort auf den völkerrechtswidrigen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Die ständig ausgeweiteten westlichen Waffenlieferungen bergen das Risiko einer Eskalation des Krieges bis hin zum Einsatz von Atomwaffen. Doch wie ließe sich der Krieg beenden? Was wären die notwendigen Schritte für eine militärfreie, ökologische sowie sozial und global gerechte Zeitenwende und für eine europäische Friedensordnung, die es nur mit Russland geben kann? Und wie lassen sich die universell gültigen Völkerrechts- und Menschenrechtsnormen retten, die durch diesen Krieg erneut massiv verletzt wurden?

Schema: Oben die Eskalationsleiter – Waffenlieferungen, ständige Ausweitung, Eskalation, Einsatz von Atomwaffen. Darunter der Gegenweg – Verhandlungen, Waffenstillstand, europäische Friedensordnung, die es nur mit Russland gibt. Am Fuß der Hinweis, dass die Hochrüstung Mittel bindet, die für Klimawandel und Hunger fehlen.
Punkt 12: Eskalation gegen Friedenslösung.

Vortrag und Diskussion · Donnerstag, 22. Oktober 2026

Hochrüstung, Wehrpflicht – kriegstüchtig! Wirklich alternativlos?
Für eine ökologische, militärfreie sowie sozial und global gerechte Zeitenwende

mit Andreas Zumach · Donnerstag, 22. Oktober 2026, 19 Uhr · Paul-Schneider-Haus, Simmern

Kostspielige Hochrüstung, auf lange Dauer angelegte Konfrontation mit Russland, Vernachlässigung von Klimawandel und Hunger – diese „Zeitenwende“ bieten Politik und Medien als alternativlos an. Was wären die Chancen und notwendigen Schritte für eine militärfreie, ökologische sowie sozial und global gerechte Zeitenwende und für eine europäische Friedensordnung, die es nur mit Russland geben kann?

Veranstalter: Verein für friedenspolitische und demokratische Bildung e. V. in Kooperation mit der Attac-Regionalgruppe Hunsrück-Nahe. · Termin bei der Kooperation für den Frieden


Quellen und Weiterlesen

Fotos: Werner Dupuis, Werner Wanger, Reinhard Sczech – Archiv der Hunsrücker Friedensbewegung / pydna.de. Die Grafiken zu den zwölf Themen sind eine Darstellung von pydna.de nach den Ankündigungstexten der Kooperation für den Frieden.

← Zurück zum Blog