Akte Wippermann Teil 3

1988 drehte ein amerikanisches Team von PBS im Hunsrück zu einer 60-Minütigen Dokumentation über die Atomraketenstationierung in Europa.
Interviews wurden in Hasselbach, Bell und Kastellaun geführt. Neben Jutta & August Dahl, Beate Ronnefeld und Reinhard Sczech kamen auch Befürworter der Raketen zu Wort: Helmut Kohl, Helmut Schmitt und Volker Rühe.

Frontline and Time magazine join forces to examine the new realitites for the NATO alliance following the American-Soviet nuclear arms treaty. How good are the Warsaw Pact forces? Can Europe defend itself without nuclear missiles? Will America begin to pull out its troops?

Producer(s): Stephanie Tepper William Cran, May. 24, 1988
60 minutes


 
 
Bert Baden „Hunsrücker Zeitung“ 6. Juli 1985:

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Hunsrücker Zeitung 6. Juli 1985, Foto Werner Dupuis

HASSELBACH. Auf dem Gelände der ehemaligen B-Battery bei Hasselbach wird gebaut. Wer weiß das nicht!? Was dort gebaut wird, ist nach Ansicht verschiedener staatlicher Stellen immer noch ein Geheimnis. Offiziell sprechen die Behörden — von der Kreisverwaltung bis zum Bundesverteidigungsministerium — von einer „Nato-Baumaßnahme“. Dass dort Raketenstellungen für Marsch-Flugkörper vom Typ „Cruise Missiles“ gebaut werden, weiß inzwischen nicht nur im Hunsrück jedes Kind — offiziell wird dies aber nicht bestätigt. Anders ausgedrückt: diese Atomraketen-Station gibt es offiziell nicht.
Allerdings ist es strengstens verboten, zum Beispiel eine Zeichnung oder Lagekarte der Nato-Baustelle bei Hasselbach anzufertigen oder gar weiterzugeben. Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat dies einem Hunsrücker Bürger, der sich nach der Rechtslage erkundigt hatte, unmissverständlich klargemacht. „Nach § 109 g STGB macht sich — unter anderem — derjenige strafbar, der von einer militärischen Einrichtung oder Anlage eine Abbildung oder Beschreibung anfertigt oder eine solche Abbildung oder Beschreibung an einen anderen gelangen lässt und dadurch wissentlich die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und die Schlagkraft der Truppe gefährdet. Die Veröffentlichung oder inhaltliche Beschreibung der Lagekarte des Cruise-Missiles-Standortes bei Hasselbach/Hunsrück stellt nach einem Beschluss der Staatsschutzkammer des Landgerichts Koblenz vom 29. April 1985 — 1 Qs 149—150/85 — eine solche Gefahr dar.“
Dies ist der genaue Wortlaut eines Schreibens des Leitenden Oberstaatsanwaltes in Koblenz vom 20. Mai dieses Jahres an Reinhard Sczech aus Bell. Mit diesem Schreiben wurde aber erstmals von staatlicher Seite, nämlich von einem deutschen Staatsanwalt, offiziell bestätigt, dass bei Hasselbach eine „Cruise-Missiles“-Station gebaut wird. In Zukunft kann also der bisherige Sprachgebrauch „Nato-Baumaßnahme“ gestrichen werden.
Nun gibt es sie also doch, die „Cruise-Missiles“-Baumaßnahme bei Hasselbach im Hunsrück!
Und es gibt inzwischen Tausende von Lagekarten dieser Station, die in der ganzen Bundesrepublik kursieren. Nicht nur das Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ verbreitete diese Lagekarte in seiner Ausgabe Nr. 17 dieses Jahres, auch in mehreren anderen ‚ Zeitungen und Alternativ-Blättern war diese Lagekarte bereits abgedruckt.
Was einem Nachrichten-Magazin erlaubt ist, muss auch einem einfachen Bürger erlaubt sein, dachte sich nun der 31jährige Elektro-Ingenieur Reinhard Sczech aus Bell im Hunsrück, fertigte Kopien des „Spiegel-Abdrucks“ an und verteilte sie öffentlich an Passanten. Allerdings hatte er vorher offiziell die Staatsanwaltschaft in Koblenz von diesen Aktionen unterrichtet.
Und die Staatsanwaltschaft reagierte prompt. Die Polizei beschlagnahmte die Kopien und führte im Auftrag der Staatsanwaltschaft auch eine Hausdurchsuchung bei Reinhard Sczech durch.
Der Bürger aus Bell gab sich von nun an etwas verwirrt. Dies drückte er in einer ganzen Serie von Schreiben an den Oberstaatsanwalt in Koblenz aus. Sczech sammelte in der Zwischenzeit zahlreiche Beweise für die Gefährdung der Sicherheit der Bundesrepublik und der Schlagkraft der Truppe.
Er fand solche Beweise zum Beispiel im Wartezimmer eines Rechtsanwaltes, wo der „Spiegel“ mit der Lagekarte öffentlich auslag; er fand eine Lagekarte im evangelischen Gemeindehaus in Bell (sie wurde zwischenzeitlich polizeilich entfernt) und er meldete — wie er immer wieder betonte — pflichtschuldigst diese Stand- und Lageorte der Lagekarte der Staatsanwaltschaft, auf dass diese ermittle.
Gegen ihn selbst — das teilte ihm die Justiz schriftlich mit — wird inzwischen ermittelt.
Aber: Ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen auch gegen rheinland-pfälzische Abgeordnete? In einem Fall zumindest wird sie dies nun wohl tun müssen.
Der SPD-Landtagsabgeordnete Joachim Mertes nämlich verteilte eine Dokumentation mit der Lagekarte der Hasselbacher „Cruise-Missiles-Station“ vor Beginn der jüngsten Kreistagsitzung an alle Kreistagsmitglieder und sogar auch an seine Kollegen im Mainzer Landtag. Außerdem liegen — dies bekannte Mertes gegenüber der HZ – die Lagekarten öffentlich und zur freien Verfügung in seinem Bürgerbüro in Simmern aus.
Reinhard Sczech erfuhr natürlich auch davon und meldete diesen Angriff auf die Sicherheit der Bundesrepublik durch einen gewählten Volksvertreter prompt der Staatsanwaltschaft. Nachstehend ein Auszug aus dem Schreiben von Sczech an Oberstaatsanwalt Wippermann in Koblenz: „Was der sozialdemokratische Unhold — in vollem Bewusstsein der Geheimhaltungsmathematik — getan hat, klingt unglaublich. Er wusste die Simmerner Polizeikräfte durch meine Aktion an das Amtsgericht gebunden. (Anmerkung der Redaktion: Sczech verteilte, während die Kreistagsitzung lief, vor dem Simmerner Amtsgericht Exemplare der geheimen Lagekarte, sie wurden von der Polizei beschlagnahmt). Dies hat er schamlos ausgenutzt und unsere geheime Karte im Simmerner Kreistag verteilt. 21 Kopien, verteilt an CDU, SPD, FDP und Grüne Kreistagsmitglieder. Der Herr Landrat Dr. Jäger, oberster Polizeichef des Rhein-Hunsrück-Kreises, hat tatenlos zugesehen. Ich kann mir gut vorstellen, dieser Verfall von Sitte und Gesetz ist für einen Leitenden Oberstaatsanwalt deprimierend. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, den Herrn Abgeordneten Mertes hiermit anzuzeigen .. .

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Hunsrücker Zeitung 6. Juli 1985, Foto Werner Dupuis

Wird jetzt gegen den SPD-Landtagsabgeordneten ermittelt?
Dazu müsste zunächst einmal die Immunität des Abgeordneten aufgehoben werden und dies könnte — wenn die Staatsanwaltschaft schnell arbeitet und einen entsprechenden Antrag beim Landtagspräsidenten stellt — dazu führen dass die rheinland-pfälzischen Abgeordneten von ihren Urlaubsorten nach Mainz zurückgerufen werden, um in einer Landtagssitzung darüber zu entscheiden.
Aber es kommt noch dicker!
Reinhard Sczech, der sich inzwischen als Hilfs-Fahnder der Ermittlungsbehörden gibt, wurde weiter fündig und entdeckte sogar einen Verräter auf Bonner Ebene — die Pressestelle des Bundestages!
Dort hatte nämlich der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Ralph Herberholz aus Treffs-Karden angefragt, ob er eine Kopie der Seite 14 aus der „Spiegel“-Ausgabe Nr. 17 erhalten könnte.
Diese Bitte wurde dem Ex-Abgeordneten prompt erfüllt. Das Fatale daran ist nur, dass es sich bei der Seite 14 genau um jene Seite handelt, auf der die Lagekarte von Hasselbach abgedruckt ist.
Wird jetzt auch gegen die Pressestelle des Bundestages ermittelt werden wegen Gefährdung der Sicherheit der Bundesrepublik oder der Schlagkraft der Truppe?
Ob gegen den Abgeordneten Mertes ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wird oder nicht, stand gestern noch nicht fest. Oberstaatsanwalt Fink meinte auf Anfrage der HZ gestern, es sei noch verfrüht, zum jetzigen Zeitpunkt eine Stellungnahme dazu abzugeben. Es sei zum Beispiel die Frage, ob es sich bei dem Schreiben von Reinhard Sczech an die Staatsanwaltschaft um eine Strafanzeige gegen Mertes handele. Gleichzeitig wies Staatsanwalt Fink auf die Immunität des Abgeordneten hin. „Die Sache beschäftigte uns schon gestern und heute in unserem Hause, aber ich sehe mich zum jetzigen Zeitpunkt außerstande eine definitive Stellungnahme dazu abzugeben“, erklärte Oberstaatsanwalt Fink wörtlich und der Leitende Oberstaatsanwalt Wippermann unterstrich diese Ausführungen mit dem Hinweis, es werde alles noch überprüft.
Wir baten auch bereits am Mittwoch, 3. Juli, die Kreisverwaltung um eine Stellungnahme zu der Verteilungsaktion von Mertes vor der Kreistagsitzung. Trotz mehrfacher Erinnerungsanrufe war bis zum gestrigen Redaktionsschluss eine solche Stellungnahme nicht zu erhalten. Der Pressesprecher der Kreisverwaltung erklärte uns gestern, es sei zur Zeit niemand da, der eine Stellungnahme abgeben könnte.
Das juristische Ringen um die Wahrung eines offenen Geheimnisses hat auch auf politischer Ebene Verwunderung ausgelöst. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Professor Dr. Rumpf — inzwischen dank der Verteilungsaktion des Landtagsabgeordneten Mertes im Kreistag selbst Besitzer der geheimen Lagekarte — meinte gegenüber der HZ, er habe nichts dagegen, wenn auch gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet würde und er würde sogar für die Aufhebung seiner Immunität in diesem Falle plädieren. Im übrigen, so erklärte der Abgeordnete wörtlich, sei für ihn das „alles Kiki“.

Demonstrationen, Raketen, Ostermärsche, Menschenketten

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Es war einiges los rund um die Atomraketenstation PYDNA im Hunsrück in den achtziger Jahren.  Robert Gold hat im Januar 2001 einiges in der Studienarbeit „Mobilisierung durch Information“ zusammengefasst.

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Hunsrücker Ostermarsch 1982
BuchKriegsvorbereitungImHunsrueck_SabineStange1
Kriegsvorbereitung im Hunsrück. Vom Einfluss der Raketenstationierung auf den Alltag der Menschen Broschiert – 1985 von Sabine Stange

Auszug aus dem Buch
„Kriegsvorbereitung im Hunsrück“ von Sabine Stange:

 Für  die Militärs sind hier

ideale Voraussetzungen

Einer, der auf ganz andere Weise versucht, mit den Leuten über die
Frage der Raketenstationierung ins Gespräch zu kommen, ist
Reinhard Sczech. Er wurde hier geboren, wuchs hier auf, machte
eine Ausbildung zum Elektroingenieur und verbrachte mehrere
Jahre im Ausland, bevor er nach Bell zog. Lange bevor der Nato-
Nachrüstungsbeschluß ins Gespräch kam, begann er, sich mit der
Frage Krieg und Frieden und mit dem Wettrüsten zu beschäf-
tigen.
„Ich stamme aus Kastellaun,“ erzählt er. „Als ich vierzehn war,
wurde Kastellaun Garnisonsstadt. In dieser Zeit gab es noch die
letzten Ausläufer der Studentenbewegung, auf der Burg Waldeck
war einiges los. Da hab ich ein paar Leute kennengelernt, mit ihnen
diskutiert, auch mit einem Bundeswehrsoldaten, der später de-
sertierte. – So hab ich mich fast zwangsläufig mit der Bundeswehr
auseinandergesetzt, mit der Rüstungsfrage, hauptsächlich aber
mit dem Krieg in Vietnam. Für mich war das ein Grund, den Kriegs-
dienst zu verweigern.

BuchKriegsvorbereitungImHunsrueck_SabineStange
Nach drei Stunden holzhacken im Beller Arbeitszimmer

Danach war ich lange Zeit wenig aktiv, was diese Fragen betrifft.
Ich habe studiert, war als Elektroingenieurviel unterwegs, auch im
Ausland, in der Sowjetunion, in Algerien, im Irak, in Kanada. In die-
ser Zeit hab ich unsere Freunde und auch unsere sogenannten
Feinde persönlich kennengelernt.
Schließlich hatte ich die Nase voll von dieser Rumzieherei und hab
mich in Bell niedergelassen. Da gings los. Der Fluglärm, der ist ja
nicht zu überhören.
In dieser Zeit hab ich viel in amerikanischen Zeitungen gelesen,
auch in deutschen, habe die Nachrüstungsdebatte verfolgt und
kam dabei fast automatisch zu dem Schluß, daß ich was dagegen
tun muß.
Angefangen hat die organisierte Friedensarbeit bei uns, soweit ich
mich erinnern kann, im Januar 1983. Wir haben den Friedens-
stammtisch in Kastellaun gegründet, haben viel diskutiert, ein
Referat gehört, Filme gezeigt. Dabei sind die Ideen für die ersten
Aktionen entstanden.
Zwölf Leute von uns haben sich mit Sandwiches auf den Marktplatz von Kastellaun gestellt, haben protestiert gegen die Raketen
in Ost und West. Das hat schon eine große Überwindung gekostet.
Ich habe mich dabei erinnert an die Zeit, als ich den Kriegsdienst
verweigert habe. Damals gab’s wirklich noch viele Leute, die
gesagt haben: „Ab in die DDR!“ oder: „An den nächsten Baum
hängen!“
Heute, stelle ich fest, sind die Leute bedeutend besser informiert.
Das hat die Friedensbewegung geschafft.
Wenig später kam Wüschheim als Stationierungsort ins Gespräch.
Die Nachrüstungsdebatte war in vollem Gange. In dieser Zeit wur-
den von hier aus Ostermärsche gemacht, Busse zum großen De-
monstrationszug nach Bonn organisiert, Podiumsdiskussionen
veranstaltet. Hier aus der Gegend kamen immer ungefähr fünfzig
Leute zu den Veranstaltungen.
Als dann rauskam, daß die B-Battery Stationierungsort werden
soll, haben wir versucht, möglichst viele Informationen darüber zu
beschaffen. Das war sehr mühselig, von offizieller Seite aus gab es
ja immer nur die Formel: „Wir können weder bestätigen noch
dementieren!“
Durch Zufall fiel uns dieses Dokument des amerikanischen Reprä-
sentantenhauses in die Hände, in dem Wüschheim als Stationie-
rungsort ausgewiesen ist. Das haben wir kopiert und an alle
Gemeinderäte hier in der Gegend verteilt. Zufälligerweise veran-
staltete der Landrat zu diesem Zeitpunkt gerade eine Infor-
mationsveranstaltung mit dem Bürgermeister und den Verbands-
gemeinderäten. Dort schickte er sich an, werbewirksam vor den
Kameras zu sagen, er wisse von nichts. Da konnten wir ihm das
Dokumentvordie Nase halten. Daswarschon ziemlich wüstfürdie
alle, der Verbandsbürgermeister stand da mit hochrotem Kopf und
sagte immer wieder: „Ich weiß weniger als Sie wissen.“
Heute wissen wir, der hat ziemlich gut Bescheid gewußt, aber der
Diensteid verbot ihm, etwas zu sagen.
Von da an haben wir die Gemeinderäte immer wieder informiert
über das, was wir herausbekamen, vor allem die Gemeinderäte
hier in Bell und Hasselbach. Ich glaube, unsere Informationen
haben ein gut Teil dazu beigetragen, daß später überhaupt eine
offizielle Anhörung gemacht wurde über das Nato-Bauvorhaben
und daß es von den Gemeinden schließlich abgelehnt wurde. Wie
wir gehört haben, war dieses Anhörungsverfahren von Behör-
denseite aus ursprünglich gar nicht vorgesehen.
Ich halte es für sehr wichtig, die kommunalen Gremien in dieser
Form einzubeziehen, immer wieder, auch wenn es sehr mühsam
ist. Jetzt aus der jüngsten Vergangenheit habe ich ein gutes Beispiel dafür: Oben auf dem Baugelände, auf dem die eigentlichen
Bunker entstehen, hatten sie Schilder aufgestellt: BETRETEN
UND FOTOGRAFIEREN VERBOTEN. Unterschrift: STAATS-
BAUAMT KOBLENZ.
Das erschien mir komisch. Wer ist denn dieses Amt, fragte ich
mich, und wie können die solche Beschlüsse fassen? Da kann ja
jeder kommen! Also habe ich mich hingesetzt und Briefe geschrie-
ben, an das Staatsbauamt, an den zuständigen Finanzministervon
Rheinland-Pfalz und an den Bundestag und habe darum gebeten,
mir mitzuteilen, mit welcher Begründung man diese Schilder auf-
gestellt habe. Ich würde, schrieb ich, die Baustelle gern fotografie-
ren und ob ich bestraft würde, wenn ich das täte. Offensichtlich
hatten sie keine Begründung, denn kurze Zeit später wurden die
Schilder alle fein säuberlich abgeschraubt. Bis heute sind keine
neuen da.
Ich habe auch mit den Wachposten diskutiert oben an der Bau-
stelle, habe ihnen Zeitungen und Informationen gegeben. Einmal
hab ich auch mit Polizisten diskutiert während des Friedensmar-
sches Bonn-Mutlangen. Hundert Mann waren oben a-n der Bau-
stelle abkommandiert worden, um die Demonstranten in Schach
zu halten. Damals war das Gelände noch nicht umzäunt und ich
ging mit den anderen Demonstranten um die Baustelle herum.
Plötzlich kommt ein Trupp Polizisten auf uns zu.
„Halt stop!“ ruft einer. „Keiner geht mehr weiter! Sie befinden sich
hier auf militärischem Sperrbezirk! Wer weitergeht, wird ver-
haftet!“
Ich seh sie da stehen, alle schön im Quadrat, wie die Römer in den
Asterix-Heften, geh zu ihnen hin und sag: „Ich will Ihnen mal erzäh-
len, wo wir uns hier befinden.“
Die dachten wohl, ich wäre der offizielle Gästeführer, jedenfalls
standen sie alle schön stramm, als ich ihnen erzählte, wem das
Land gehört und wie es dazu gekommen ist, daß der Gemeinderat
das Nato-Bauvorhaben abgelehnt hat.
Da hätten sie nichts von erzählt gekriegt, sagten die jungen Polizi-
sten verwundert.
„Dafragen Sie mal Ihren Einsatzleiter,“ sag ich zu denen, „derwird
schon wissen, daß es seine Richtigkeit hat mit dem, was ich
Ihnen erzähle.“
Als der Einsatzleiter meine Worte bestätigte, fingen sie an, zu
diskutieren, das könne doch wohl nicht sein, daß trotzdem gebaut
werde, wenn der Gemeinderat das abgelehnt habe.
Das wäre nun mal so, sagte der Einsatzleiter, das sei eben
höhere Politik.

Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man sich mit den kommu-
nalen Dingen befaßt, kann man auf einmal auch auf die Leute ein-
gehen im Gespräch; eigentlich ist das viel erfolgreicher als wenn
man rumschreit oder nur theoretisch argumentiert.
Es ist gar nicht so schwierig, sich in diese kommunalen Sachen ein-
zuarbeiten, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag;
man muß nicht alles selber wissen, denn wenn man sucht, findet
man immer Leute, die in diesem Bereich Bescheid wissen und
einem das auch sagen. Oft kommt schon sehr viel zutage, wenn
man sie nur einfach fragt. Wegen der Geheim haltungsvorschriften
dürfen die oft nichts sagen, das muß man dann halt selbst öffentlich
machen, damit einiges in die Zeitung kommt. Man muß die Leute
nur immer wieder schubsen.
Die Verwaltungsbürokraten selbst, da ist kaum was zu machen.
Die mußten schwören, daß sie nichts sagen und danach handeln
sie: die sehen nichts, die hören nichts, die wissen nichts. Man
wartet erstmal ab, ob die dummen Bauern überhaupt mitkriegen,
daß sie auch Einspruch erheben können.
Auch wie sie mit der einstimmigen Ablehnung des Bauvorhabens
durch die Gemeinderäte umgegangen sind, da ist zunächst gar
keine schriftliche Anfrage gekommen, erst nachdem das mehr-
mals schriftlich angemahnt wurde beim Verteidigungs- und Finanz-
ministerium. Das, meinen sie, können sie sich erlauben mit den
Leuten hier auf dem flachen Land. Wenn der Gemeinderat von
Mainz das abgelehnt hätte, wären andere Maßnahmen die Folge
gewesen. Für die Militärs sind das hier bei uns eben ideale Voraus-
setzungen, in jeder Hinsicht.
Als wir begonnen haben mit unserer Informationsarbeit, haben uns
einige Gemeinderäte gesagt: „ Ich würde gerne tätig werden, aber
die Leute im Dorf, die wollen das ja gar nicht.“
Also haben wir dafürgesorgt, daß im Dorf eine Stimmung entstand,
daß die Leute zu fragen begannen, Bescheid wissen wollten. Das
war gar nicht so einfach, denn für die meisten Leute hier waren die
Cruise Missfiles einfach Atomraketen. Deren Reichweite, Zielge-
nauigkeit usw. wollten sie gar nicht wissen.
„Atomraketen,“ haben sie gesagt, „sind Atomraketen und die stan-
den schon früher hier, also was regt ihr euch auf?“ Die Zusam-
menhänge, die dahinterstecken, erfährt man eben nicht aus der
BILD-Zeitung und auch nicht aus der HunsrückerZeitung und was
anderes liest hier kaum jemand. Also woher sollen sie es wissen?
Wir nahmen uns also vor, diese fehlende Informationsarbeit zu
übernehmen. Unsere Verbandsgemeinde hat siebenundzwanzig
Dörfer, in jedem wollten wir mal gewesen sein. Bisher haben wir mehrere Veranstaltungen gemacht mit verschiedenen Referen-
ten, auch mit einer Ärzte-Initiative aus Düsseldorf.
Hierin Bell ist es mittlerweile recht einfach, da kommen auch ältere
Leute. Im Nachbardorf aber, im streng katholischen Buch bei-
spielsweise, da kommen vielleicht zwei Erwachsene und die Ju-
gendlichen. Die Älteren warten erstmal ab, ob es nicht Mord und
Totschlag gibt. Wenn sich dann herumgesprochen hat, daß es gar
nicht so schlimm war, kommen sie beim nächsten Mal vielleicht zu
viert. Also es ist viel Arbeit und ein langsamer Prozeß, bis sich hier
mal was entwickelt.
Mittlerweile hält sich die Polizei hier stark zurück. Offenbar haben
sie im Mainzer Innenministerium gemerkt, daß ihre Taktik aus der
Anfangszeit, viel Polizei hierherzuschicken und die Leute zu er-
schrecken, eben auch einen gegenteiligen Effekt hat, nämlich
die Aufmerksamkeit der überregionalen Presse zu erregen. Das
aber wol len sie um jeden Preis vermeiden. Jetzt ist es so, wenn was
ist, rufen sie uns an und sagen: „Wir halten uns im Hintergrund.“
Das ist ihre Taktik, uns aus den Schlagzeilen herauszuhalten, und
offenbar geht diese Rechnung auf.
Kurze Zeit nach unserem Gespräch beginnt Reinhard Sczech einen Briefwechsel mit der Oberstaatsanwaltschaft in Koblenz. Es geht um einen im SPIEGEL vom 22.April 1985 veröffentlichten Lageplan des Stationierungsortes Bell/Hasselbach. Berichtet wird in der
SPIEGEL-Notiz über ein Ermittlungsverfahren gegen das
HUNSRÜCK-FORUM, ein von Mitgliedern der Hunsrücker Frie-
densbewegung herausgegebenes Blatt.  In dem Buch wird der
Schriftwechsel in Auszügen abgedruckt.

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Wippermann traute sich nicht an Spiegel und taz