Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, gibt es einen Ort im Hunsrück, der mich, mein Denken und mein Verständnis von Gemeinschaft tief geprägt hat: die Burg Waldeck. Als junger Mensch war ich unzählige Male dort oben bei der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW). Es war eine Zeit des Aufbruchs, des unbeschwerten Zusammenseins auf den Zeltwiesen, aber vor allem eine Zeit der intensiven Diskussionen am Lagerfeuer.
Wer die Waldeck nur als idyllische Ruine kennt, verpasst ihre eigentliche Seele. In den 1960er Jahren war dieser Ort nichts Geringeres als das Epizentrum des kritischen, musikalischen und politischen Aufbegehrens in Deutschland.
„Hotte“ Horst Schneider:
Pfingsten 1966 – Eine Erleuchtung
Erinnerungen an mein erstes Waldeck-Festival
1966 war ich sechzehn. In der Disco bewegten wir uns zu Beatles, Rolling Stones, Kinks und James Brown. Diese Musik war neu, sie war anders – und sie gehörte uns. Manchmal erlebten wir sogar Bands wie „Ike & Tina Turner“ live, auf der Hahn Air Base, nur zwei Kilometer neben meinem Hunsrückdorf. Englisch war unsere Klangwelt, auch als bewusste Abgrenzung zur deutschen Schlagerwelt. Unsere Idole flimmerten im „Beat-Club“schwarz-weiß über den Bildschirm.
Und dann war da plötzlich dieses andere Wort: „Neues Deutsches Lied“. Gehört im Fernsehen, verortet auf der Burg Waldeck. Was sollte das sein? Die Antwort lag quasi vor der Haustür. Also trampte ich an Pfingsten los.
Was ich vorfand, übertraf alles: etwa 3.000 Menschen, rund fünfzig Künstler, Musik überall. Gitarren auf der Bühne, Gitarren in den Zelten. Eine offene, neugierige Atmosphäre. Man kam ins Gespräch – mit Fremden, mit Künstlern. Und plötzlich merkte ich: Hier zählte, was ich dachte.
Und doch: War das „das neue deutsche Lied“? Ich hörte englisch, französisch, russisch. Im Steinbruch sangen „Juan und José“ gegen Franco – verschlüsselt, poetisch, eindringlich. Faschismus aktuell in Spanien? Davon hat uns auf dem Simmerner Gymnasium noch kein Lehrer was erzählt. Zum ersten Mal spürte ich, dass es Wahrheiten gab, die außerhalb meines Horizontes lagen. Die Waldeck war ein Ort ohne starre Regeln. Revolte stand neben Lyrik, Parodie neben Kritik, Altes neben Neuem. Das Publikum hörte zu, fragte nach, widersprach. Für mich war das neu – und befreiend.
Musikalisch öffnete sich eine Welt: Hedy West sang von Bergarbeitern in Kentucky. Auch die Engländer verbreiten gute Stimmung. John Pearse brachte Ragtime und alte Songs. Colin & Shirley Wilkie erzählten von Whisky und vom Leben. Jeder fühlt es Colin nach, wenn er davon singt, dass auch Sterben schöner wird, wenn ein Fass Whisky im Spiel ist. Die glasklare Stimme von Shirley überlagert dabei die mehr rauchige von Colin. Sein virtuoses Fingerpicking auf der Gitarre wird bald von vielen deutschen Sängern übernommen.
Die anglo-amerikanischen Barden wollten die Bühne bereits verlassen. Aber wir ließen sie nicht gehen. Ein Lied liegt in der Luft, das in den Vierzigern schon von streikenden Tabakarbeitern gesungen wurde und dann später von Pete Seeger und Guy Carawan in Erinnerung gehalten wurde. Das Lied war neuerlich zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung geworden und wurde in den USA bei jeder Demonstration gegen Rassendiskriminierung gesungen. „We shall overcome“ ist die Hoffnung auf Gleichberechtigung. Mit den Worten Guy Carawans so ausgedrückt: „Schwarze und Weiße werden zusammenleben. Wir werden alle frei sein.“ In unseren Reihen beginnt plötzlich jemand zu singen, ganz allein: „We shall overcome“. Mehrere stimmen ein. Colin, stutzig zunächst, erfasst die Situation, fordert seine Sangesbrüder und –schwestern auf, sich über Kreuz die Hände zu reichen, und wir singen alle zusammen: „We shall overcome und weiter „we walk hand in hand“. Alle Strophen. Das werde ich nie vergessen!!
Dann wird’s russisch: Eine Balalaika-Gruppe, die sich „Troika“ nennt, spielt schmissige russische Weisen. Zwischen uns sitzt ein Opernsänger, Hans Rolf Rippert aus Frankfurt. Freunde hatten ihn nach der Oper ins Auto gesetzt, auf die Waldeck kutschiert und in die Wiese gepflanzt. Plötzlich hält es Rippert nicht mehr im Gras. Er reißt sich den Mantel vom Leib und springt im Abendanzug, den er noch von der Oper anhatte, auf die Bühne, nimmt Position ein und fängt an, zu diesen Balalaika klängen im tiefsten Bass russisch zu singen. Alle denken, das ist ein richtiger Russe. Und Hans Rolf muss es in diesem Augenblick wohl selber geglaubt haben, denn er nennt sich von nun an „Ivan Rebroff“. Auf seine ersten Tournees nimmt er die „Troika“ gleich mit.
Und was ist jetzt mit dem „neuen deutschen Lied“? Namen wie Franz Josef Degenhardt oder Reinhard Mey standen hier seit dem Anfang vor zwei Jahren schon für erste Konturen. Andere, wie Christof Stählin, bringen Lyrik auf die Bühne: Hanns Dieter Hüsch, der zum ersten Mal gekommen ist, analysiert die Diskussion kabarettistisch: „Die Lieder werden von wenigen für wenige gemacht. Die Lieder sind in den meisten Fällen von ihren Interpreten selbst gedichtet und vertont worden. Sie werden nicht im Chor gesungen, es wird auch nicht dirigiert, sondern ein moderner Herr oder eine moderne Dame betritt eine Art Podium und singt dann auf eigene Gefahr eigene Werke.“
Am Sonntagnachmittag meldet sich ein junger Mann mit Schnauzbärtchen, Hornbrille, Baskenmütze und Gitarre schüchtern bei der Leitung, wann er denn singen könne. Er, Hannes Wader, erinnert sich: „Mein Auftritt wurde am Sonntagvormittag immer wieder verschoben, gegen vierzehn Uhr war ich dann endlich dran. Im Hunsrück kann es zu Pfingsten noch sehr kalt sein. Feucht war‘s, ich hatte klamme Finger und bin mit meiner Gitarre auf das Podium geklettert. Ich hatte doch noch nie auf so einem Ding gestanden. Vor allem nicht vor dreitausend Leuten!
Also: Ich fange an, die Gitarre ist total verstimmt. Überall grinsende Gesichter. Dann reißt mir auch noch eine Saite. Ich habe also auf fünf Saiten weitergespielt, danebengegriffen und so meine Lieder durchgesungen. Drei Stück durfte ich singen. Dann bin ich wie aus dem Wasser gezogen und weich in den Knien die Treppe runter. Da kamen welche auf mich zu, und ich dachte, die wollen mir was tun. Sie packten mich am Arm, ich habe mich losgerissen und bin abgehauen. Ich bin erstmal in den Wald gelaufen, denn ich war völlig fertig und schlot- terte an allen Gliedern. Ich habe mich an einen Baum gesetzt, weil ich nicht mehr stehen konnte, und habe erstmal geheult, weil ich dachte, jetzt kannst du dich dort nicht mehr sehen lassen, die schlagen dich tot, wenn du zurück kommst.
Es stellte sich aber heraus: Es war mein Durchbruch! Ich hatte das nur vollkommen anders erlebt. Dieses Pfeifen und Johlen konnte ich nicht einordnen, empfand es als feindselig und gewalttätig. Als ich zurückkam erntete ich freundliche, anerkennende Blicke und Schulterklopfen.“
Auch ich erlebte meinen Durchbruch, wenn auch einen anderen. Auf dem Heimweg, den Daumen draußen an der Hunsrückhöhenstraße, war mein Kopf voller Fragen. Besonders eine ließ mich nicht mehr los: Was hatten uns die Altvorderen noch so alles vorenthalten?
Heute, sechzig Jahre später weiß ich: Die Waldeck war damals mehr als ein Festival. Sie war ein Ort des Aufbruchs, des Fragens, des Zuhörens. Freundlich, demokratisch, geistreich! Für viele ein Anfang. Für mich eine Erleuchtung.
Und sie ist es geblieben.
Hotte Schneider
Das Erbe der 60er:
Musik als politischer Kompass
Mit den legendären Festivals Chanson Folklore International zwischen 1964 und 1969 wurde auf der Waldeck Kulturgeschichte geschrieben. Hier trafen sich Künstler wie Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey, Hannes Wader oder Dieter Süverkrüp. Es ging nicht um bloße Unterhaltung. Die Waldeck war der Ort, an dem die junge Generation der Nachkriegszeit eine eigene, kritische Stimme fand.
Die Lieder waren politisch, die Debatten unbequem und der Geist von tiefer humanistischer Verantwortung geprägt. Genau diese Verbindung aus kultureller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung ist es, die mich bis heute bewegt – und die auch die Leitlinien unserer Arbeit in der Sczech-Stiftung beeinflusst. Nachhaltigkeit, Bildung und gesellschaftliches Engagement fallen nicht vom Himmel; sie brauchen Räume, an denen sie wachsen können. Die Waldeck war und ist so ein Raum.
Das Waldeck Open Air 2026
Der Geist der Waldeck ist keineswegs Geschichte. Er lebt weiter – dynamisch, generationenübergreifend und so aktuell wie eh und je. Die ABW beweist das jedes Jahr aufs Neue.
Das nächste Waldeck Open Air steht vor der Tür, und ich möchte Ihnen und Euch einen Besuch wärmstens ans Herz legen. Es ist die perfekte Gelegenheit, um in die einzigartige Atmosphäre einzutauchen, handgemachte Musik zu genießen und den Hunsrück von seiner lebendigsten Seite kennenzulernen. Ob als Tagesgast oder fürs ganze Wochenende mit dem Zelt auf der Wiese – die Waldeck öffnet ihre Tore für alle, die Kultur abseits des Mainstreams schätzen.
Wann & Wo: Alle Details zum Programm, den Künstlern und den Tickets findet ihr direkt auf der offiziellen Seite der ABW unter burg-waldeck.de/veranstaltungen/waldeck-open-air/.
Die Sczech-Stiftung unterstützt Initiativen, die Menschen zusammenbringen und den kritischen, zukunftsgerichteten Diskurs fördern. Die ABW tut dies seit Jahrzehnten auf kultureller Ebene. Fahrt hin, lasst euch inspirieren, singt mit und bringt vielleicht sogar alte und neue Freunde mit. Wir sehen uns auf der Waldeck!