Akte Wippermann Teil 2

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TV: Nachrichtenmagazin „Monitor“

Das WDR Politik-Magazin Monitor hat inzwischen von den Auseinandersetzungen mit Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Wippermann gehört. Das Fernsehteam würde gerne eine
„Beschlagnahmeaktion“ live filmen. Nichts leichter als das. Ich schreibe erneut an Wippermann:

 

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann !

Am Montag, dem 1. Juli 1985, werde ich Kopien der Lagekarte des CRUISE MISSILE Standortes bei Hasselbach öffentlich verteilen. Von Beschlagnahmungen bitte ich abzusehen, da diese Aktion nicht
nur als legal – sondern auch als äußerst notwendig eingeschätzt werden muß.

Ich beginne mit der Verteilung um 15.00 Uhr, vor dem Amtsgericht in Simmern. Neben der Karte werde ich eine Dokumentation über die Hintergründe der von Ihnen hierzu veranlaßten Polizeiaktionen verteilen.
Das Amtsgericht Simmern wurde gewählt, um insbesondere die Zielgruppe der Justitzangestellten anzusprechen.

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann, glauben Sie ja nicht, ich würde Ihre bisher veranlaßten Polizeiaktionen nicht ernst nehmen. Ich weiß die Wirkung von Hausdurchsuchungen durchaus zu würdigen.
Was mich lediglich wundert, bei Schmiergeldzahlungen an hohe Politiker sind sie äußerst zurückhaltend – oder haben Sie wegen der komplizierten Ermittlungen im Hunsrück, bisher noch keine Zeit gehabt, die beschlagnahmten Papiere aus dem Tresor des Herrn Scholl auszuwerten?
(Anmerkung: FDP Landtagsabgeordneter, der 1985 einen Juwelierladen in Baden-Baden ausraubte.)

Im Spiegel werden Sie mit den Worten zitiert: „Bei uns ist es so, daß der Staat und seine Gesetze eine gewisse Gewichtung haben.“ Wie Wahr ! ! ! Danach muß nichts mehr geschrieben werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Reinhard Sczech

 

Am 1. Juli 1985 hat Polizeihauptkommissar Leibrock einen schweren Arbeitstag. Das Fernsehmagazin Monitor filmt vor dem Amtsgericht Simmern seinen Einsatz um die Schlagkraft der Truppe zu schützen.

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…. nun Herr Sczech, wenn Sie verteilen, werde ich beschlagnahmen. Spielen Sie nicht den Märtyrer nur weil das Fernsehen da ist.
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Herr Leibrock, ich werde verteilen.
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„Wollen Sie bitte auch das Orginal, den SPIEGEL beschlagnahmen? Dann kann ich keine Kopien mehr anfertigen „
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Ein bange Sekunde, er blickt kurz in die Kamera, dann kommt kurz und entschlossen die Antwort des Kriminalhauptkommisars: „Nein!“ Gut kombiniert ….

 

Alle Dämme brechen

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann !

Am Montag, dem 1. Juli 1985, woltte ich Kopien der Lagekarte des CRUISE MISSILES Standortes bei Hasselbach öffentlich verteilen. Sie ließen diese Karten – Kopien aus dem Nachrichtenmagazin
„DER SPIEGEL“ – beschlagnahmen. Da war ich baff ! ! !

Ich dachte, inzwischen wäre die Karte nicht mehr geheim. Ralf Herberholz, in der letzten Legislaturperiode SPD-MdB, hat mir nämlich eine Kopie übergeben. Raten Sie bitte mal woher er das Orginal hatte ? – Von der
Pressestelle des Bundestages !

  • Verrat jetzt auch aus Bonn ?
  • Oder hatten Sie vergessen die Pressestelle des Bundestages von der Geheimhaltung zu informieren ?
  • Wen soll ich Anzeigen ?
  • Den Bundestag ?
  • Oder Ralf Herberholz aus Treis Karden ?

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann. Nun bitte ich Sie die nächste Hiobsbotschaft gefasst zu nehmen:

MdL Joachim Mertes, aus Buch im Hunsrück, hat eine komplette Dokumentation, inklussive der inkriminierenden Karte, an die SPD Fraktion im Mainzer Landtag verteilt. Insgesammt 43 Kopien !

Das wäre ja noch nicht die Katastrophe, denn Mainz ist weit weg von den Raketen. Die Geheimhaltung nimmt bekanntlich direkt proportional mit der Entfernung von der Hasselbacher Raketenstation ab.

Was der sozialdemokratische Unhold – in vollem Bewußtsein der Geheimhaltungsmathematik – getan hat, klingt unglaublich:

Er wußte die Simmerner Polizeikräfte durch meine Aktion an das Amtsgericht gebunden. Dies hat er schamlos ausgenutzt und unsere geheime Karte im Simmerner Kreistag verteilt.

21 Kopien, verteilt an CDU, SPD, FDP und Grüne Kreistagsmitglieder.

Der Herr Landrat Dr. Jäger, oberster Polizeichef des Rhein-Hunsrück-Kreises, hat tatenlos zugesehen ! ! !

Ich kann mir gut vorstellen, dieser Verfall von Sitte und Gesetz ist für einen Leitenden Oberstaatsanwalt deprimierend. Deshalb habe ich mich auch entschlossen, den Herrn Abgeordneten Mertes
hiermit anzuzeigen
.

In seinem Bürgerbüro, Durchgang für Hunderte, ahnungsloser Hunsrücker Bürger, liegen Kopien der Lagekarte offen aus. Jeder der will, kann sich bedienen. Um die Ermittlungsarbeit zu erleichtern:
Das Bürgerbüro ist in Simmern, Gerbereistraße 4.

Mit einem aufmunternden Gruß vom schönen Hunsrück und

vorzüglicher Hochachtung

Reinhard Sczech

 

Die große Stunde des Feldwebel a.D. Joachim Mertes

Hunsrücker Zeitung 6. Juli 1997:

„Ringen um offenes Geheimnis“

„Kein Geheimnis ist für den SPD-Abgeordneten Joachim Mertes die Lagekarte, die er in seinem Bürgerbüro zeigt und öffentlich ausliegen hat und die er auch kürzlich vor der Kreistagssitzung verteilte. Ob auch gegen ihn ermittelt wird, steht noch nicht fest.“

 

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann !

Nun ist es soweit, die Presse berichtet ungehemmt über unsere geheime Lagekarte. Das bringt mich in arge Verlegenheit.  Meine Tante aus Dortmund hat nämlich davon erfahren. Gestern hat sie angerufen und möchte eine Kopie des Artikels aus der Hunsrücker Zeitung vom 6. Juli 1985.

Ich bin ratlos !

Wie Sie inzwischen sicher auch gesehen haben, hält der Landtagsabgeordnete Mertes, ganz frech die Geheimkarte in die Kamera. Was soll ich tun ? Darf ich trotzdem eine Kopie anfertigen und an meine Tante in Dortmund schicken ? Oder gefährdet das auch die Schlagkraft der Truppe ?

Wie verworren die Situation ist, zeigt die Äußerung des FDP Bundestagsabgeordneten Professor Dr. Rumpf gegenüber der Presse, es sei „alles Kiki“. Ihre ernsthaften Bemühungen: „Kiki“. Hat man da noch Worte ???

Ich habe eine polizeiliche Vorladung als „Beschuldigter“ bekommen und mache mir Gedanken. Sollen doch die Herren aus Bonn Informationen an die Bürger verteilen – dann können Sie denen mal zeigen, daß mit Ihnen nicht zu spaßen ist !!!

Immerhin können Sie jetzt schon gnadenlos bei der Redaktion der Hunsrücker Zeitung in Simmern zuschlagen.
Hier gilt es rechtzeitig Zeichen zu setzen, sonst wird die Presse übermütig. Wenn erst die BILD-Zeitung loslegt …. oweh oweih…. (Ein kleiner Tip zur Erleichterung der Ermittlungsarbeiten: der Herr Fotograph ist aus dem Stationierungsort HASSELBACH !)

Bitte beantworten Sie umgehend meine Anfrage bezüglich der Tante. Lassen Sie bitte „Gnade vor Recht“ ergehen und drücken Sie ein Auge zu. Erhalte ich keine Antwort, gehe ich davon aus, es ist alles in Ordnung.

Für Ihre aufopferungsvollen Bemühungen, auch denen des Herrn Oberstaatsanwaltes Fink, von denen ich aus der Hunsrücker Zeitung erfahren habe, möchte ich mich ganz herzlich bedanken !

Mit vorzüglicher Hochachtung

Reinhard Sczech

 

Verrat, Verrat, Verrat

 

Ich schreibe nun an das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Bonn:

Für eine Informationsveranstaltung im Hunsrück benötige ich dringend die Kopie eines Artikels aus dem SPIEGEL, Heft Nr. 17, vom 22. April 1985. Es handelt sich um die PANORAMA Seite 14, „Folgen einer
Enthüllung“. Der Artikel befaßt sich mit der geplanten Stationierung von 96 Cruise Missiles im Hunsrück.  In diesem Zusammenhang wird auch eine Lagekarte abgedruckt.

Leider ist der „SPIEGEL“ hier schon vergriffen. Da es im Hunsrück keine guten öffentlichen Bibliotheken gibt, weiß ich nicht wo ich mir eine Kopie besorgen könnte.

Bitte schicken Sie mir möglichst schnell eine Kopie zu.

Zur Unkostenerstattung füge ich einen Verrechnungsscheck über 5,- DM bei.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Reinhard Sczech

Die Bonner Behörde erfüllt meinen Wunsch sofort und liefert die gewünschte Spiegel-Seite sogar im Original!

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Pressestelle des Bundestages schickt die „geheime“ Karte in den Hunsrück. Meine 5,- DM werden ordentlich verbucht.

 

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt Wippermann !

Verrat ! ! ! Verrat ! ! ! Verrat ! ! !

Es klingt unfaßbar und doch ist es geschehen: Die Bundesrepublik Deutschland gefährdet die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und die Schlagkraft der Truppe !

Ist diese Republik zum Tollhaus geworden ?

Das „PRESSE- UND INFORMATIONSAMT DER BUNDESREGIERUNG“ hat die geheime Karte des CRUISE MISSILE Standortes bei Hasselbach/Hunsrück für eine öffentliche Informationsveranstaltung weitergegeben !

Ich habe unerschütterliche Beweise !

Im Schreiben vom 30.5.85 teilten Sie mir mit, daß die Staatsschutzkammer des Landgerichts Koblenz am 29.4.85
(mit Aktenzeichen-1Qs 149-150/85-) die Verbreitung eben jener Karte nach § 109 g STGB zum Straftatsbestand erklärt hat.

Hiermit stelle ich Strafanzeige gegen das „PRESSE- UND INFORMATIONSAMT DER BUNDESREGIERUNG“ in Bonn !

Sehr geehrter Herr Oberstaatsanwalt, gestern mußte ich zur polizeilichen Vernehmung, weil mir eben jener Straftatsbestand vorgeworfen wird. Meine Dokumente beweisen, daß gerade vorgestern, am 8.7.85, das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung selbige Tat begangen hat. Ich stelle Ihnen alle
Beweise selbstverständlich für die Ermittlungsarbeiten zur Verfügung. Bitte nehmen Sie diesbezüglich umgehend Kontakt mit mir auf. Aus verständlichen Gründen möchte ich das Beweismaterial nicht der DEUTSCHEN BUNDESPOST zur Beförderung anvertrauen.

Wegen der Wichtigkeit – eine Staatskrise ist möglich – stehe ich Ihnen natürlich Tag und Nacht zu Verfügung.

Seien Sie gerade in dieser bitteren und schweren Stunde meinerallervorzüglichsten Hochachtung versichert !

Ergebenst verbleibe ich

Reinhard Sczech

 

Wippermann gibt auf

Am 9.8.1985 gibt Karl-Heinz Wippermann auf. Ich bekomme lapidar von einem Amtsinspektor der Staatsanwaltschaft mitgeteilt: „Sehr geehrter Herr Sczech, in o.a. Sache wird mitgeteilt, daß das Verfahren gegen Sie eingestellt worden ist.“

Auf meine darauffolgende Beschwerde bekomme ich von der Kriminalpolizei alle beschlagnahmten Kopien und Orginal zurück.

 

In DER ZEIT vom 28.3.1986 wird über den Fall berichtet:

Zur Real-Satire geriet auch ein Briefwechsel des Ingenieurs Reinhard Sczech aus Bell mit der Staatsanwaltschaft in Koblenz. Der Anlaß: Die regionale Friedenszeitung Hunsrück-Forum hatte Lagekarten der Cruise-Missile-Bunker veröffentlicht, die in anderen Medien vorher unbeanstandet erschienen waren.
Im Hunsrück wurde das mit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Ermittlungsverfahren als „Geheimnisverrat“ geahndet. „Die Geheimhaltung nimmt direkt proportional mit der Entfernung von der Hasselbacher Raketenbasis ab“, folgerte der Ingenieur und begann ein Spiel mit der Justiz. Öffentlich verteilte er die Lagekarten an diversen Stellen im
Hunsrück und zeigte sich jeweils vorher beim Staatsanwalt an. Der schickte stets und prompt seine Leute los. Der Ingenieur trieb die Sache auf die Spitze, als er sich vom Presseamt in Bonn die „streng geheime“ Lagekarte zuschicken lies, die ihm im Hunsrück ein Verfahren wegen „sicherheitsgefährdenden Abbildens“
eingebracht hatte. Sofort war das Verfahren vom Tisch.
Eine wahre Geschichte aus dem Hunsrück, wo alles ein bißchen anders ist.

Mehr Bilder, Videos und Infos um die Raketenstationierung im Hunsrück im Teil 3.

Akte Wippermann Teil 3