Buchtipp: Die Menschheit schafft sich ab

Ausbeutung der Bodenschätze, Verschmutzung der Weltmeere, Verpestung der Lufthülle, Klimaerwärmung: Wir Menschen zerstören unseren Planeten Erde mit großer Geschwindigkeit. Astrophysiker Harald Lesch, bekannt durch seine Wissenschafts-TV-Sendungen, zieht in seinem aktuellen Buch Bilanz und fragt: Schaffen wir uns allmählich selbst ab, wenn wir so weiter machen?

Seit 4,5 Milliarden Jahren zieht die Erde ungestört ihre Bahn. Das Leben gesellte sich viel später dazu. Erst seit rund 160.000 Jahren erschien der aufrecht gehende Homo sapiens, der Mensch, auf der Erdoberfläche. Mit Ackerbau und Viehzucht, Rohdungen und Bewässerungssystemen griff er immer radikaler in die Natur ein, vermehrte sich rasant und besiedelte entlegenste Gebiete. Seit einigen Jahren erörtern Wissenschaftler deshalb die Frage, ob der Eingriff des Menschen die Definition eines neuen Zeitalters rechtfertigt. Die Ursache, das Motiv? Energiehunger und virtuelles Kapital treiben einen zerstörerischen Kreislauf an.

Der Mensch sägt kontinuierlich am Ast, auf dem er sitzt
Geologen, Biologen, Meteorologen und Philosophen stellen die These auf, dass wir bereits im Menschzeitalter angekommen sind. Eines steht bereits fest: Noch nie – außer bei Asteroideneinschlägen und Ausbrüchen von Supervulkanen – hat ein Ereignis das Leben auf dem Planeten Erde so stark beeinflusst wie der Mensch. Immer tiefere hinterließ das sogenannte Anthropozän (Menschenzeitalter) in den letzten 2.000 Jahren seine Spuren. Doch erst seit kurzer Zeit (im jetzigen 21. Jahrhundert) erörtern wir das Thema und wissen, dass wir was ändern müssen.
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Über den Autor Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Universität München. Einer breiteren Öffentlichkeit ist er durch die im Bayerischen Fernsehen laufende Sendereihe „alpha-Centauri“ bekannt. Seit September 2008 moderiert er die ZDF-Reihe „Abenteuer Forschung“, die 2014 in „Leschs Kosmos“ unbenannt wurde. Er hat mehrere erfolgreiche Bücher veröffentlicht und betreibt bei Komplett-Media zusammen mit dem Physiker Joseph Gaßner den YouTube Channel „Urknall, Weltall und das Leben“.

Harald Lesch ist eine Art von postmodernem Phänomen der Wissenschaftskommunikation: seine Bühne kommt ohne den leicht zu durchschauenden Populismus aus. Sein Ziel: das humanistische Anteilnehmenlassen an dem, was Alexander von Humboldt mit „Genuß“ in Form des Erlebens von Wissen bezeichnet hat. Er hat – auch für das aktuelle Buch – mit anderen Experten gesprochen, auch mit dem Meteorologen und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif, der beispielsweise die verursachte Klimaerwärmung von 1,5 Grad Celsius bestätigt.

Die Temperatur steigt also, der Meeresspiegel steigt, das Eis auf Grönland schmilzt, das Eis in der Antarktis schmilzt, die Gebirgsgletscher ziehen sich zurück. Das sind Fakten, die schön längst bekannt sind – und deshalb ist sein Buchtitel gerechtfertigt. Denn das ist für die Meisten noch keine direkte Bedrohung, kein Grund, das Verhalten drastisch zu ändern. Sollte es aber. Und so erklärt Harald Lesch in einem Interview im Blog.diare:

Wenn wir uns unsere tatsächlichen Handlungen anschauen, diese unfassbare Kluft zwischen dem, was wir wissen und machen könnten und dem, was tatsächlich passiert, ist leider erschreckend.

Das Anthropozän liefert uns jedoch die ideale Gelegenheit, Inventur zu machen und nachzuhaken: Was machen wir mit der Inventur? Was sollen wir tun? Wir können dem Anthropozän einen ethischen Platz einräumen. Ich weiß, das ist nicht so gerne gesehen. Ethische Themen sind immer schwierig. Warum? Weil sie keine einfachen Ja- und Nein-Antworten liefern. Bei einem ethischen Thema geht es darum, abzuwägen. Wie können wir in der Weltgemeinschaft, innerhalb einer Gesellschaft, Gerechtigkeit verhandeln?“

Und deshalb ist das Buch auch so wichtig: es stellt wichtige Fragen, deren Antworten bekannt und deren Akzeptanz entscheidend für unseren Fortbestand und auch dem der Erde ist.

Die Menschheit schafft sich ab
Die Erde im Griff des Anthropozän

Komplett-Media, 2016, 29,95 Euro

Kaufen bei Ecobookstore.de

Quelle: Utopia.de
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Home of smile

Achim Fuchs aus Beltheim beschreibt wie alles begann:

Im Januar 2013 habe ich eine Patenschaft für ein Mädchen aus einem Waisenhaus in Kimweas (das liegt in der Nähe von Embu) in Kenia übernommen. Der Verein gab mir Informationen über das „Josephine Wambui Waisenhaus“ und den Alltag dort. Im Juli flog ich mit meiner 17jährigen Tochter dorthin, um mir selbst vor Ort ein Bild zu machen.
Mit vier großen Koffern voll Spenden mit Turnschuhen, Jeans, T-Shirts, Bällen und mehr wurden wir herzlich aufgenommen. 14 Tage waren wir dort und es sollte ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Im Dezember 2013 bin ich für zwei Monate wieder dorthin geflogen. Diesmal allerdings, um beim Bau von mehreren Räumen, Toiletten, Klärgrube, Waschraum, etc. zu helfen.

Die Zimmer wurden unbedingt benötigt, damit die 12 Mädchen und 11 Jungen im Alter von 7 bis 16 nicht mehr in zwei kleinen Räumen leben müssen. In den zwei Monaten durfte ich miterleben, wie wichtig es für diese Kinder ist, in einem Heim aufzuwachsen, das ihnen Liebe, Geborgenheit und Schutz gibt. Sie lernen dort füreinander zu sorgen, gehen gemeinsam in die Schule, spielen und machen ihre Haus- und Heimaufgaben gemeinsam. Kurz: Sie helfen sich gegenseitig.

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Eigentlich sollte es nur eine Patenschaft für ein Kind in Afrika sein. Doch Hans-Joachim Fuchs aus Beltheim wollte mehr über die Lebensumstände seines Patenkindes wissen und besuchte es in Kenia. Quelle: homeofsmile.de/

Wieder Zuhause in Deutschland angekommen, war mir schnell klar, dass ich viel mehr helfen möchte. In meiner Familie, bei Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen fand ich schnell Unterstützung.
Wir haben den Verein „Home of Smile e.V.“ gegründet. Mit diesem Verein wollen wir mittellose Kinder, deren Eltern an Krankheiten wie z.B. Malaria, Tuberkulose, AIDS etc. gestorben sind, helfen. Viele dieser Waisen leben auf der Straße, ungebildet, verarmt, aufgegeben von der Gesellschaft, sich allein überlassen, missbraucht und ausgebeutet.

Wir wollen ihnen ein Zuhause geben, in dem sie geliebt werden, Geborgenheit erfahren und geschützt sind. Sie bekommen eine Schulausbildung, sollen nach Ihren Fähigkeiten gefördert werden, eine faire Chance erhalten, sich zu eigenständigen, selbstbewussten und für die Gemeinschaft wertvollen Menschen zu entwickeln, sei es im Studium oder Beruf.

Wir brauchen Ihre Unterstützung als Spender, Förderer oder Sponsor. Bitte helfen Sie uns, den Kindern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Selbstverständlich arbeiten wir alle ehrenamtlich, so dass Ihre Spenden zu 100 % den Kindern zu Gute kommen.


 

Nach einer Vorstellung auf der Gesellschafter Versammlung von Höhenwind hat auch die Sczech-Stiftung beschlossen, „Home of Smile e.V.“ finanziell zu unterstützen. Ein tolles Projekt.

Transformationsdesign

Bernd Sommer und Harald Welzer, Transformationsdesign.
Wege in eine
zukunftsfähige Moderne.

Buchvorstellung von Clemens Ronnefeldt

Nach seinem Bestseller „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“, schrieb Harald Welzer, Professor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, zusammen mit Bernd Sommer, Leiter des Forschungsbereichs Klima, Kultur und Nachhaltigkeit am Flensburger Norbert Elias Center (NEC) ein weiteres inspirierendes Buch zur Bewältigung gegenwärtiger Krisen.

transformationsdesignAuf den ersten 100 Seiten weisen beide Autoren anschaulich nach, vor welchen dramatischen Herausforderungen im Bereich Klima und Umwelt die Menschheit steht. Auf Seite 61 macht eine Metapher nachdenklich:
„Waren in Sklavereigesellschaften die Herren abhängig von Sklavenarbeit, so sind wir heute abhängig von der Nutzung fossiler Energieträger. (…) Nach Schätzung von John Mc Neill benötigte zum Ende des 20 Jahrhunderts ein Mensch zur Aufrechterhaltung seines Lebensstandards durchschnittlich 20 solcher „Energiesklaven“, also das Äquivalent von 20 Arbeitskräften, die 24 Stunden pro Tag und 365 Tage pro Jahr für ihn arbeiten; der Durchschnittsamerikaner brauchte sogar mehr als 75 Energiesklaven“.

Nicht nur Win-win-Lösungen, sondern Austrag schwerer
Interessenskonflikte

Dass die gegenwärtigen Transformationsprozesse hin zu mehr Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit nicht ohne Konflikte und auch nicht ohne Verlierer abgehen können, wird spätestens auf S. 108 deutlich:

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Höhenwind

„Um das 2-Grad-Ziel der internationalen Klimapolitik zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels zu erreichen, dürfen bis zur Mitte des Jahrhunderts nicht mehr als 565 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Dem gegenüber stehen etwa 2.795 Gigatonnen CO-2, die bei der Verbrennung der bekannten Reserven an Kohle, Öl und Gas freigesetzt würden, für die verschiedene Ölfirmen (wie ExxonMobil oder Royal Dutch Shell) oder Länder, die wie Ölfirmen agieren (wie Kuwait oder Venezuela), sich bereits die Zugriffsrechte gesichert haben.
Diese Vorkommen entsprechen heute einem Geldwert von 27 Billionen US-Dollar (ebd). Mit anderen Worten, ambitionierter Klimaschutz, der mit dem 2-Grad-Ziel kompatibel ist, bedeutet nichts anderes, als dass diese Ölfirmen und Staaten etwa vier Fünftel ihrer Vorkommen an fossilen Brennstoffen im Boden lassen und damit auf Einnahmen – nach jetzigem Stand – von mehr als 20 Billionen US-Dollar verzichten. Kurz, für sie bedeutet der angestrebte Übergang ins postfossile Zeitalter kein ‚Win-win‘, sondern die Vernichtung eines Großteils ihres Vermögens“.

Ähnliches gilt auch beim Verzicht auf Atomenergie oder der drastischen Reduzierung von Rüstungshaushalten.

Grundlage der Grafik ist der Datensatz HadCRUT4 zu den Lufttemperaturen direkt über Land und Ozeanen, den das Hadley-Center des Meteorologischen Dienstes Großbritanniens (MetOffice) und die Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia produzieren. Visualisiert sind die Daten von Januar 1850 bis März 2016, dargestellt als Abweichung vom Mittel der Jahre 1850-1900; Quelle: Ed Hawkins/ClimateLabBook
Ideen für nachhaltiges Leben

Im Zweiten Teil ihres Buches geben die beiden Autoren Anregungen, wie „gutes Leben“ bei gleichzeitig verringertem Ressourcenverbrauch möglich ist: „Umgestaltung des Vorhandenen, das Verschwinden des Überflüssigen, die Vermeidung von Aufwand, die Reduktion von Energie und Material. Das setzt voraus: nicht nur andere, sondern weniger Produkte. Keine neuen Aufwände, sondern wiederverwenden, umnutzen, nachnutzen, mitnutzen“ (S. 118).

Bestechend sind einige Beispiele, die zeigen, wie eine neue zukunftsfähige Nachdenklichkeit aussehen könnte, so im Bereich Architektur, wo „die beiden französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die im Rahmen eines Wettbewerbs zu einer Neugestaltung eines Platzes in Bordeaux vorschlugen, den Platz zu belassen wie er war, und die verfügbare Bausumme in die regelmäßige Pflege zu investieren. Sie gewannen den Wettbewerb“ (S. 132).

Berlin_bis_esmir_vom_Leibefaellt_1Ein anderes Beispiel zeigt, wie mit sozialer Intelligenz ein 20-Millionen-Pfund-Umbau einer Schule, die bei gestiegenen Schülerzahlen zu schmale Korridore aufwies, vermieden werden konnte:
„Man schaffte lediglich die Schulglocke ab, die dafür sorgte, dass alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig aus den Klassenräumen strömten. (…) Man installierte in jedem Klassenraum eine Glocke und ließ sie zeitversetzt klingeln, so dass zu große Gruppen in den Gängen gar nicht erst entstanden“ (S. 133).

In Deutschland würde eine solche Lösung möglicherweise daran scheitern, dass im Brandfall alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig in kürzester Zeit evakuiert werden müssten. Die Frage, wie dieses Problem am Beispiel der zeitversetzten Glocke gelöst wurde, bleibt im Buch offen.

Als zukunftsweisend stellen die Autoren die Baumeister der Oxfort University vor: „Als sie zum Ende des 14. Jahrhunderts aus Eichenstämmen den Speisesaal der Universität errichteten, pflanzten sie zugleich neue Eichen, deren Holz Zimmerleuten im 19. Jahrhundert dazu dienen sollte, über die Jahrhunderte morsch gewordene Balken zu ersetzen“ (S. 166).

Mobilität

Zum Thema „Mobilität“ schreiben die Autoren: „Tatsächlich ist die Verfügbarbeit aller Waren zu jeder Zeit an jedem Ort der Welt so wenig ein Menschenrecht wie ein Merkmal von Zukunftsfähigkeit; im Übrigen ist ja völlig unklar, wieso mit dem Sich-Selbst-Gleich-Werden aller Weltteile unter dem Vorzeichen des Konsums und der universalen Verfügbarkeit derselben Waren und Güter personale Mobilität noch weiter anwächst. Niemals zuvor gab es so viel Grund, zu Hause zu bleiben, nie gab es weniger Fremdes zu entdecken“ (S. 171).

Statt dessen plädieren die Autoren für ein bewussteres, entschleunigteres Leben unter den Stichworten: „innehalten, aufhören, zurückgehen, ankommen“ (S. 172f.)

Innehalten: „Jeder Nutzer von E-Mail und sozialen Medien weiß, dass es eine Ökonomie des Nicht-Handelns gibt. Dinge, die erfragt oder mitgeteilt werden, erledigen sich mitunter ganz von selbst, wenn man nicht reagiert“.

BessereWeltSchaffenCartoonAufhören: „Aufhören als moratorische Strategie hätte allgemein den Vorteil, (…) Zwischenräume des distanzierten Betrachtens einzufügen, um was für ein Problem es in welchem Zusammenhang eigentlich geht. (…) Aufhören bedeutet eine Reduktion sozialer, biographischer und physikalischer Mobilität. Oder die Absicht, fertig zu werden“.

Zurückgehen: (…) „In einer Kultur, die den Kern ihrer Existenz im Erreichen quantitativer Extensionen sieht, werden Rückkehr und Rückbau als Zurückfallen hinter das einmal Erreichte betrachtet, auch dann, wenn das Erreichte hinsichtlich der Ressourcenzerstörung die Voraussetzungen seiner eigenen Existenz ruiniert. Sich langsamer oder gar nicht zu bewegen, zu Hause zu bleiben, Gesellungs- und Vergemeinschaftungsformen zu entwickeln, die keine Überwindung räumlicher Distanzen voraussetzen, stellen demgegenüber ganz neue Herausforderungen dar“.

Ankommen: „Ankommen heißt aufzuhören, den Weg gegenüber dem Ziel zu privilegieren. (…) Lebenskunst bestand immer schon in einer Reduktion auf Wesentliches oder, mit Oscar Wilde, in der radikalen Vereinfachung des Geschmacks: stets mit dem Besten zufrieden zu sein.
(…) Ankommen bedeutet ja auch die Erkenntnis, dass es Dinge und Situationen gibt, die keine Verbesserung mehr brauchen“.

Hindernisse und Widerstände

Dass es auf dem Weg in eine nachhaltige Moderne zahlreiche Hindernisse zu überwinden gilt, legen die Autoren erfrischend offen: „Menschen korrigieren einmal gefällte Entscheidungen und einmal eingeschlagene Richtungen ungern, weil das nicht nur den Orientierungsbedarf erhöht, sondern auch die Infragestellung und Revision einer ganzen Kette von Entscheidungen erfordert“ (S. 177).

„Es wäre auch naiv, darauf zu vertrauen, dass das Bessere sich durchsetzen würde, weil es besser ist. Das Bessere, das haben alle sozialen Bewegungen gezeigt, setzt sich erstens nur dann durch, wenn die Konflikte, die mit seiner Durchsetzung verbunden sind, erfolgreich ausgetragen werden, und zweitens, wenn es sich in die Produktions- und Reproduktionsverhältnisse tiefenwirksam einschreibt“ (S. 179).

„Ohne ökonomische Autonomie, die mittels eigenen Strukturen von Produktion und Konsumption hergestellt wird, bleiben Protestbewegungen von den gegebenen Produktionsverhältnissen abhängig. Daraus folgt, dass Gegenbewegungen zum zerstörerischen Prinzip kapitalistischer Wachstumswirtschaft sich nicht auf Aufklärung, Protest und Argumente verlassen können, sondern der bestehenden Ökonomie, Politik und Alltagskultur eine andere entgegenstellen müssen“ (S. 180).

Beispiel-Initiativen mit dem Potential nachhaltiger Zukunftsfähigkeit

Im letzten Teil ihres mutmachenden Buches stellen die beiden Autoren eine Reihe von Initiativen vor, beginnend mit der Transition-Town-Bewegung (transitionnetwork.org), die inzwischen mehr als 500 Gemeinden und Städte in 40 Ländern umfasst, die sich u.a. unabhängig(er) von externer Energieversorgung gemacht haben.

Der us-amerikanische Umweltaktivist Bill McKibben hat eine „Fossil Fuel Divestment“-Kampagne gestartet, „die von der simplen, aber höchst

Bill Mc Kibben, Foto Jennifer Esperanza

brisanten Überlegung aus(geht), dass man ganzen Branchen die
Geschäftsgrundlage entziehen kann, wenn man sein Geld herausnimmt. Das ergibt schon auf der Ebene privater Geldanlagen eine nicht unbeträchtliche Summe, gewinnt aber ganz erhebliches Gewicht, wenn die Stiftungsvermögen amerikanischer Colleges und Universitäten, die Vermögen kirchlicher Organisationen und die Haushalte von Kommunen nicht mehr dort investiert werden, wo künftige Überlebenschancen zerstört werden. Der Erfolg dieser Kampagne, die übrigens einen erfolgreichen historischen Vorläufer im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika hat, ist frappierend: Mittlerweile gibt es an fast 400 amerikanischen Schulen, Colleges und Universitäten entsprechende Initiativen, vier Colleges und zehn Städte, darunter Seattle und San Francisco, divestieren bereits. In Europa, wohin die Kampagne sich jetzt ausbreitet, hat sich das University College London angeschlossen, und man muss nur an die Summe der Stiftungsvermögen in Deutschland denken, um zu ermessen, wieviel Kapital dem Falschen entzogen werden kann“ (S. 191f).

„Zum Falschen“ – sofern die Menschheit überleben möchte – zählen noch zahlreiche andere Industriezweige, vor allem die Atom- und Rüstungsindustrie sowie die Großbanken- und Investmentbranche, für die diese Überlegungen zum „Divestment“ genauso gelten – und es spannend wäre zu erfahren, ob es in diesen Wirtschaftssektoren bereits ebenfalls gelungene Beispiele für Transformationen gibt.

Einige bereits bekanntere Initiativen runden das Buch ab: Die „Gemeinwohlökonomie“ von Christian Felber, der sich inzwischen zahlreiche Unternehmen angeschlossen haben, die eine Bilanz danach erstellen, was zum Gemeinwohl der gesamten Gesellschaft beiträgt. Vorgestellt werden auch Grundzüge des bedingungslosen Grundeinkommens und die ökologisch positiven Auswirkungen von Arbeitszeitverkürzungen.
Besonders gewürdigt wird die „Postwachstumsökonomie“ von Nico Paech.

Das Buch endet auf Seite 122:
„Ohne den Abstieg bestimmter sozialer Gruppen und Einheiten und den komplementären Aufstieg anderer – wachstumsneutraler Unternehmen, ökologischer Landwirte, Energiegenossenschaften etc. – kann dieser Pfadwechsel nicht gelingen. Dies bedeutet nicht, dass ‚der Kapitalismus‘ oder ‚das System‘ abgeschafft wird. Auch der Aufstieg der Arbeiterbewegung hat den Kapitalismus nicht ‚abgeschafft‘, aber das Verhältnis von Kapital und Arbeit neu konfiguriert“.

Je härter die gegenwärtigen Krisen eskalieren, desto aktueller und wirkmächtiger wird dieses Buch noch werden.

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Bernd Sommer und Harald Welzer, Transformationsdesign. Wege in eine
zukunftsfähige Moderne, München 2014, Oekom-Verlag München, 236
Seiten, 19.95 Euro

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https://www.dasselbe-in-gruen.de/

Wie hier im Iran, immer mehr Menschen begreifen: Die Zahl 350 steht für Klimasicherheit. Um einen bewohnbaren Planeten zu erhalten, so sagen uns Wissenschaftler, müssen wir die Menge an CO2 in der Atmosphäre von derzeit 400 ppm (Teilchen pro Million) auf unter 350 ppm verringern. Wir glauben, dass eine globale Graswurzelbewegung unsere Politiker mit den wissenschaftlichen Fakten und Prinzipien der Gerechtigkeit in die Verantwortung nehmen kann. Wenn wir das schaffen, können wir damit beginnen, die Lösungen, die uns allen eine bessere Zukunft garantieren, umzusetzen. http://350.org/

Prof. Harald Lesch entlarvt AfD-Programm

Das Thema, mit dem die AfD bekannt geworden ist, ist die Zuwanderung. Aber wie sieht es eigentlich mit ihren Aussagen zum Klima- und Umweltschutz aus? Harald Lesch macht den Faktencheck.

Leider sind AfD Anhänger mit Fakten nicht zu erreichen. Siehe Vertrauen wichtiger als Information.

Kiezkaufhaus: Ökologie aus Wiesbaden

Das Open Ohr Festival 2016 in Mainz steht unter dem Motto „Heimat“. Die Heimat hat bei der verfügbaren Wetter-Bandbreite dieses Mal voll in die Kiste „nasskalt“ gegriffen. Aber es gibt auch viele sonnige Momente und schöne Initiativen. Ein Stand aus Wiesbaden hat es mir besonders angetan.

Das Kiezkaufhaus

Das Kiezkaufhaus ist eine Investition in eine zukunftsfähige Gesellschaft. Es erspart der Umwelt unnötige CO2-Emissionen durch Transporte, entlastet den Verkehr in der Innenstadt und sorgt für korrekte Steuereinnahmen in der Region.

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Inga Ellingen auf kiezkaufhaus.de: „Ich bin immer schon ein absoluter Liebhaber der kleinen individuellen Geschäfte, die eine Stadt besonders machen. Dass das Kiezkaufhaus genau diesen Läden eine Online-Shopping-Plattform bietet, finde ich großartig. Ich wünsche mir, dass wir immer mehr Kunden, Händler und Städte fürs Kiezkaufhaus begeistern können – damit die guten und schönen Dinge, die sowieso schon in den Regalen der Städte stehen, den direkten Weg zum Kunden finden. Ohne Verpackungsmüll und Kleintransporter-Flotten, die die Ecken zuparken“
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Das Kiezkaufhaus Konzept.

Das Kiezkaufhaus ist eine Herzensangelegenheit der Frauen und Männer die es machen. „Die Idee kam auf, als wir uns über den allgemeinen Lieferwahnsinn geärgert haben. Wenn man in Wiesbaden ein Buch bei Amazon bestellt, kann es sein, dass dieses Buch aus Lagerhallen in Polen kommt, obwohl der Verlag in Frankfurt sitzt. Jeden Tag fahren deshalb zahllose Lieferwagen über Deutschlands Straßen. Allein 800.000 Pakete werden täglich retourniert – das entspricht einem Ausstoß von 400 Tonnen CO2.“

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Daniel Sieben auf kiezkaufhaus.de: „Lokale Wirtschaftskreisläufe sind für mich ein wichtiger Bestandteil einer lebenswerten Zukunft. Dabei macht das Kiezkaufhaus gute und vor allem leckere lokale und regionale Produkte sichtbar. Außerdem vermeidet es durch Lieferung per E-Bike Umweltschäden, die durch Lieferverkehr verursacht werden und vernetzt Kunden und Händler auf persönlicher Ebene. Liebe Deine Stadt!“

Es tut sich was und ein Austausch der ökologisch denkenden Menschen aus Mainz und Wiesbaden könnte sehr produktiv sein.

Mehr Infos:  Kiezkaufhaus.de

Mainz: Solidarische Lanwirtschaft SoLaWi Mainz

Mainz/Wiesbaden: Reflecta

Mainz: Open Ohr

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Open Ohr 2016 Sonntagsfrühstück

Jetzt Auslieferung: FIVE!

Die bei Betterplace anvisierte Spendensumme ist erreicht und auf dem Spendenkonto des BDP eingegangen, so dass die Kampagne als voller Erfolg bewertet abgeschlossen wird.

Die Tatsache, dass das Flüchtlingsthema in den letzten Wochen nicht mehr so präsent war, hat sich auch im Spendeneingang bemerkbar gemacht. Für die letzten hundert Meter wurde mehr Zeit gebraucht als für die ersten hundert Kilometer. Da der allergrößten Teil der Summe aber bereits früh zusammenkam, war klar dass 7000 Spiele produziert werden konnten. Die Spiele wurden nun in Schachteln gefüllt und wir freuen uns dass 50 FIVE! Spiele nun auch über die Sczech-Stiftung verteilt werden können oder beispielsweise über Welcome Dinner Mainz.

(Anita, so klein ist die Welt. Ich habe heute Ebi getroffen, er wird ein Spiel nach Bodenheim in die Flüchtlingsgruppe mitnehmen.)  


Dass die Situation in den Erstaufnahmelagern zur Zeit entspannter ist als Ende letzten Jahres macht ein gezielteres Verteilen der Spiele leichter. Es steht jetzt oft mehr Zeit und Raum zur Verfügung um FIVE! vorzustellen und mit Flüchtlingen zu spielen.

Zur Erinnerung

Give me FIVE!“ Ist ein ambitioniertes Projekt des Steffen Spiele Verlags in Kooperation mit dem BDP Rheinland Pfalz. Eine Spielsammlung wurde entwickelt, die speziell auf die Situation der Menschen in Flüchtlingsunterkünften zugeschnitten ist. FIVE! soll in einer hohen Auflage produziert und bundesweit kostenlos in Unterkünften, Begegnungszentren und anderen Einrichtungen verteilt werden.Give_me_five_2

In den letzten Monaten sind Tausende von Menschen aus ihren Heimatländern geflohen und haben in Deutschland Schutz gesucht. Natürlich steht die Sicherung der Grundbedürfnisse an erster Stelle, aber Menschen in Notsituationen brauchen nicht nur eine Basisversorgung.
Soziale und kulturelle Aktivitäten gehören ebenso zum Menschsein wie Nahrung und ein Dach über dem Kopf.
Die Reaktion auf Spielespenden und Spielaktionen, die wir in Flüchtlingsunterkünften durchgeführt haben, hat uns gezeigt, wie groß das Bedürfnis nach Momenten der Abwechslung und Freude ist. Eines der akuten Probleme in den Unterkünften ist der Leerlauf. Die meiste Zeit des Tages verbringen die Menschen dort mit Warten. Kaum etwas aber kann Wartezeiten besser verkürzen als ein Spiel!

Das gemeinsame Spiel ist eine der ältesten kulturellen Handlungen der Menschheit. Gerade im Mittelmeerraum gehören Brettspiele wie Backgammon und Domino bis heute zum täglichen Zeitvertreib.
Spiele bringen Menschen der unterschiedlichsten Kulturkreise und Nationen an einen Tisch und können uns erkennen lassen, dass wir einander oft gar nicht so fremd sind, wie wir denken.

Mit Spielen kennen wir uns aus. Wir möchten unsere Erfahrung als Verlag einbringen und eine ambitionierte Idee umsetzen.
In einer handlichen Spieleschachtel haben wir eine Sammlung aus fünf verschiedenen Spielen vereint. Mit einem Satz aus zweifarbigen Spielsteinen lassen sich sowohl Kinder- als auch Erwachsenenspiele spielen. Der Schachtel soll ein Regelbuch mit Übersetzungen in die wichtigsten Sprachen beiliegen, die in den Unterkünften gesprochen werden.

mehr Infos: Give me FIVE

Scharfe Kritik am Kriegseinsatz der türkischen Streitkräfte

Wir haben eine zweiwöchigen Reise nach Ankara sowie in die Südosttürkei einer IPPNW-Reisedelegation unterstützt. Diese Delegation ist nun zurück und übt scharfe Kritik am Kriegseinsatz der türkischen Streitkräfte gegen die Kurden, am Schweigen der EU und fordert Wiederaufnahme des Friedensprozesses.

Hier ein Link zu ausführlichen Berichten über Begegnungen und Erfahrungen der IPPNW-Delegation.

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Rettet uns vor dem Fuchs

Es gibt sie noch, die verschrobenen Atom- und Kohlepolitiker. Ein besonderes Fossil ist der stellvertretende Chef der CDU Bundestagsfraktion, Michael MichaelFuchsFuchs. Er wettert gegen die Rüstungspolitik von Wirtschaftsminister Gabriel (weil der angeblich die deutsche Rüstungsindustrie zertrümmere) – und geißelt fehlenden Mut bei Kanzlerin Angela Merkel. Siehe ManagerMagazin

Aus welchem dunklen Unterholz die Spuren des Herrn Fuchs kommen, zeigt sein Leserbrief in der Rhein-Zeitung vom 9.6.2010 zu den deutschen Atomkraftwerken: „Somit erfüllt derzeit nur die Kernkraft die Kriterien Versorgungssicherheit, CO2-Neutralität, Preisgünstigkeit, Unabhängigkeit.“ Dann kam die Katastrophe von Fukushima. Nun will Herr Fuchs wenigstens möglichst lange die Kohleschlote in Deutschland rauchen lassen.
Genau diesen Fuchs hat Julia Klöckners in ihr Kompetenzteam für Rheinland-Pfalz berufen. Meine Fragen dazu und die aus meiner Sicht nichtssagende Antwort von Julia Klöckner sind in abgeordnetenwatch.de nachzulesen.

abgeordnetenWatch
Wer Fuchs verhindern will muss Klöckner verhindern

Die Landschaften unseres Landes sind etwas, auf das wir alle stolz sein und das wir gemeinsam schützen sollten. Die einzige verantwortungsvolle Vorgehensweise ist es, die Risiken des Klimawandels einzudämmen. Das geht nicht mit der Politik von Herrn Fuchs -bestimmt nicht Frau Klöckner!

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Was braucht der Mensch wirklich, um glücklich zu sein?

Auch in diesem Jahr werden wir das rheinland-pfälzische Cantania Projekt sponsern. Eine wunderbare Idee. Die Premiere 2012 war für mich das faszinierendste Konzert das ich je in der Mainzer Phönix Halle erleben durfte.
Bei der Cantania 2016 mit dem Titel „Babaua – Die Leiden der Mimi“ geht es um bedeutende Fragen: Was ist wichtig im Leben? Sind gebildete Menschen glücklicher oder besser dran als andere? Ist technischer Fortschritt immer positiv und tut den Menschen gut? Gibt es die große Liebe, also den einen Menschen, mit dem man das ganze Leben zusammen sein möchte? Wenn ja: Wie findet man ihn oder sie? Was braucht der Mensch wirklich, um glücklich zu sein?
Das Ende bleibt offen. Vielleicht muss jeder von uns selbst darüber nachdenken …

Cantania – Schulsingprojekt aus Barcelona

Cantania findet seit 2012 in Rheinland-Pfalz unter der Federführung des gemeinnützigen Vereines „Musikforum Kastellaun e.V.“ und unter der künstlerischen Leitung von Volker Klein statt. Bisher haben etwa 4000 Kinder teilgenommen, die in 10 Konzerten in Mainz, Koblenz und Neustadt a. d. Weinstraße die Kantaten „50 Millionen Sekunden“ und „Rambla Libertad“ (Straße der Freiheit) zu Aufführung gebracht haben. Darüber hinaus gab es Konzerte in Bremen und in Coburg.
Cantania ist eine Wortschöpfung aus dem Katalanischen und bedeutet so viel wie zeitgenössische Kantate. Cantania ist ein Schulsingprojekt des Konzerthauses L´Auditori in Barcelona für Schüler/innen der dritten bis sechsten Klassen mit dem Ziel, Kinder für das Singen zu begeistern.

Cantania existiert bereits seit 25 Jahren. Die Deutschlandpremiere fand 2012 in Mainz statt. Jedes Jahr wird für das Projekt bei einem Komponisten und einem Textautor aus Katalonien ein knapp einstündiges Werk für großen, meist einstimmig singenden Kinderchor, 8 Profimusiker und (in der Regel) zwei Gesangssolisten in Auftrag gegeben.
2015 Jahr haben in Barcelona und anderen Städten Spaniens etwa 42.000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen und das aktuelle Werk in etwa 80 verschiedenen Konzerten aufgeführt. In Deutschland waren es ca. 1000 Kinder aus 40 Grund- und weiterführenden Schulen.

Cantania Projektphasen

1. Zwei verpflichtende, ganztägige Fortbildungen für die teilnehmenden Lehrer/innen (als Dienst am anderen Ort anerkannt).
2. Die Einstudierungsphase in den beteiligten Schulklassen (ca. 5 Monate).
3. Das gemeinsame Konzerterlebnis (je nach Räumlichkeit mit 250 – 800 Kindern und professionellen Musikern). Diesem geht (nur) eine etwa einstündige Generalprobe mit allen Beteiligten voraus.

Zur Einstudierung der Kantate erhalten die beteiligten Musiklehrer/innen einen Klavierauszug, eine Chorpartitur, CDs, Bilder und eine Beschreibung der herzustellenden Requisiten, sowie Videos der zu lernenden Choreographien.

Cantania Ziele:

Gemeinsame musikalische Erlebnisse können eine große Menge positiver Energie freisetzen.
Besonders beim gemeinsamen Singen sind u. a. Offenheit, Authentizität, aufeinander Hören und miteinander Gestalten, wichtige Grundlagen.
Diese zu fördern gehört mit zu den Zielen von Cantania.
Darüber hinaus möchte das Projekt:
– Kindern (auch denen, die aus eher kulturfernen Familien kommen) Freude am Singen und an der Musik vermitteln.
– allen Schülern die Teilnahme ermöglichen, unabhängig von ihren sonstigen schulischen Leistungen und Ihrer sozialen und kulturellen Herkunft.
– der täglichen Arbeit im Klassenzimmer eine neue soziale Dimension geben durch die gemeinsame Arbeit an einem Kunstwerk, das sich an der Lebenswirklichkeit der Kinder orientiert.
– den beteiligten Schülern ein unvergessliches musikalisches Erlebnis ermöglichen durch die Kombination von Profimusikern, großem Kinderchor und Konzertraum.
– Den Austausch und die gemeinsame Arbeit der Musiklehrer an verschiedenen Institutionen erleichtern.

Quellen: Musikforum-Kastellaun

Solidarische Landwirtschaft in Mainz

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Registrierung und Ausgabe der personalisierten Mitglieds- und Kreditverträge

Sturm pfeift durch die Mainzer Frischluft­schneise. Ich stramcsm_logo-solawi_275606a9c1pele auf meinem Fahrrad vorbei an der 05er Coface Arena gegen den Wind um noch rechtzeitig zum Beginn der Jahres­haupt­versammlung der SoLaWi-Mainz im Waldorf­kinder­garten ‚Blumenwiese‘ in Mainz-Finthen anzukommen. Vergeblich, schweißgebadet komme ich eine Viertelstunde zu spät. Aber die Versammlung hat noch gar nicht begonnen. Der Ansturm neuer Gesell­schafterInnen ist so groß, dass draußen noch eine lange Schlange auf die Registrierung und Sitzungs­dokumente wartet.

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Gespannte Erwartung im Waldorf­kinder­garten ‚Blumenwiese‘
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Gärtner Thilo erklärt den Anbauplan, siehe SoLaWi-Mainz Webseite
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Hier in Gonsenheim kann am 5. Mai das erste Mal Gemüse der Saison 2016 abgeholt werden

SoLaWi bedeutet „Soli­darische Land­wirt­schaft“. Es ist eine Form der Vertrags­land­wirt­schaft, bei der eine Gruppe von Ver­brauchern auf lokaler Ebene mit einem Partner-Landwirt kooperiert. Die Essenz dieser Beziehung ist die gegenseitige Vereinbarung: der Hof ernährt die Menschen und alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte. Dies entspricht einer bewährten Praxis: für die längste Zeit der Mensch­heits­geschichte waren Menschen mit dem Land verbunden, das sie ernährt hat. Bei diesem Konzept werden die Lebens­mittel der Land­wirt­schaft nicht mehr über den Markt vertrieben, sondern fließen ein in einen eigenen, von Teilnehmer­seite mit organisierten und finanzierten, durchschaubaren Wirtschaftskreislauf.
Bei SoLaWi-Mainz geht es aber anders. Da die Initiatoren keinen geeigneten Partner-Landwirt finden konnten, wurde einfach eine eigene Landwirt­schaft gegründet. Das bedeutete, Maschinen und Saatgut kaufen, Pachtverträge abschließen und Personal einstellen. Für die Finanz­planung 2016 spitz gerechnet, etwa 75.000 Euro müssen in die Kasse kommen.finanzplan

Das Gründungs­team hat für die Kapital­beschaffungs­maß­nahme zwei Stand­beine entwickelt:

  • Zinslose Kredite, maximal 600 Euro pro Vereinsmitglied
  • Feste Zusagen für monatliche Solidarbeiträge.

Im Gegenzug gibt es regelmäßig ökologisch einwandfreie Gemüse und Kräuter­lieferungen. Der Ernteplan für die kommende Saison wurde vorgestellt und besprochen.SoLaWI_r

Wenn die Initiatoren vorher noch Zweifel hatten ob ihr Konzept aufgeht – die Zweifel lösten sich im Verlauf der Sitzung in Luft auf. Ein Interessent verabschiedete sich zwar, als im klar wurde, dass Land­wirt­schaft auch immer mit einem Risiko verbunden ist – die Rück­zahlung eines Darlehens natürlich nicht so garantiert werden kann wie bei Einlagen in der Mainzer Sparkasse, aber dieses Risiko wollten alle anderen eingehen. Schließlich ging es ihnen nicht um die Geldanlage, sondern um einen Gegenentwurf zu dem Natur und Gesellschaft zerstörenen Wirtschaftssystem. Stichworte: Solidarisch, ökologisch.Zeitplan2016
Ein kompliziert ausgetüfteltes, mehrstufiges Verfahren um die Finanzzusagen der einzelnen InteressentInnen auszubalancieren, führte schon in der ersten Runde zum Voll­treffer. Die Finanzen waren gesichert. 70 Anteile wurden vergeben, wobei viele kleinere Haushalte Anteile teilen. Am Ende der Versammlung waren es dann offiziell 183 Personen die im Verein mitmachen.SolawiFrankfurt

So fing es an

Während der Informationsveranstaltung ‚Neue Städter braucht das Land‘ lernten sich die Gründungs-Initiatoren der SoLaWi Mainz im August 2013 kennen und entwickelten gemeinsam den Plan, ein Pilotprojekt ‚Solidarische Landwirtschaft‘ in Mainz ins Leben zu rufen. Nachdem Planung und Landsuche Form angenommen hatten, konnte 2015 mit Hilfe eines sehr engagierten Gärtners auf der idyllisch gelegenen ‚Ochsenwiese‘ mit dem Gartenbau im Herzen Mainz-Gonsenheims auf 1500qm Gartenfläche begonnen werden. Es gelang einige Baustevegetables3ine der Vorstellung von solidarischer Landwirtschaft in der Praxis zu testen und für 10 Anteile / Haushalte vielfältig Gemüse anzubauen, welches die Teilnehmer donnerstags, frisch geerntet in Mainz-Gonsenheim abholen konnten. Der Jahresrückblick ergab die Schlussfolgerung, dass das Projekt in Bezug auf Ernteertrag, Finanzierung, Ökologie, Gemeinschaftlichkeit und Zufriedenheit der Abnehmer gelungen war und die Planung begann, in 2016 auf 70 Anteile zu vergrößern.

Momenten wird in den einzelnen Mainzer Stadtteilen die Abholung der Ernteerträge aus Gonsenheim organisiert, damit nicht jeder unnötig fahren muss. Es ist gesät, ich bin auf meine ersten Ernteerträge im Frühling gespannt.

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Weitere Infos bei www.solawi-mainz.de